«Die verlorenen Söhne» von Robert Schoen

Versprengte Wüstensöhne werden 1915 im «Halbmondlager» linguistischen Menschenexperimenten unterzogen. Ein verlorener Sohn des Jahres 2015 stottert an seinen Vater einen berührenden Brief. Und ein emeritierter Kauz schmatzt sich dazu durch sinnleere Begriffskonstruktionen.

Ein schwarzweiss Foto von jungen Männern, die gemeinsam essen
Bildlegende: Als «Halbmondlager» wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges ein Gefangenelager für Muslime aus der britischen, französischen und sowjetischen Armee bezeichnet. wikimedia/German Federal Archive

Am 27. Oktober 1915 wurde unter strengster Geheimhaltung auf Initiative des Sprachwissenschaftlers Wilhelm Doegen die «Königlich Preussische Phonographische Kommission» gegründet. In dieser Kommission arbeiteten Ethnologen, Musikwissenschaftler und Linguisten, um «die Stimmen der Welt» systematisch auf Lautplatten aufzunehmen und zu erforschen. O-Ton-Geber waren die Kriegsgefangenen im sogenannten Halbmondlager im brandenburgischen Zossen, die Lieder singen, Gedichte und Zahlenreihen aufsagen und auch die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählen sollten.

Etzel Mauss schreibt im Jahr 2015 einen Brief: «Vati! Lieber Vati, ich hoffe, Dir geht es gut. Es tut mir sehr leid, was damals passiert ist. Ich habe einen grossen Fehler gemacht». Vorm Abschicken liest er den Brief einem Chronisten mit Aufnahmegerät vor. Die Aufnahmen seziert ein emeritierter Phonologe.

«Grotesk und tragikomisch diagnostiziert er die strapazierte ‹Knarrstimme›, ohne sich für das Scheitern des Sprechers zu interessieren, der da wie der verlorene Sohn die Rückkehr zum Vater erwägt. Mit Schoens suggestiver Montage und dem auf lässige Weise eindringlichen Lorenz Eberle in der Hauptrolle glückt hier ein Kunststück: Konträr zu wissenschaftlicher Versuchsdominanz wächst die emotionale Anteilnahme des Hörers.» (Jury-Begründung zur Wahl zum Hörspiel des Monats März 2017)

Mit: Lorenz Eberle (Etzel Mauss), Robert Schoen (Chronist), Prof. Dr. Bernd Pompino-Marschall sowie in O-Tönen: Wilhelm Doegen, Herr Lachiman aus Nepal, Max Myron, Karl Heinrich, Paul Bousquet, Bernard Bilhès, Louis Serrier, Kurt Williger, August Brockmann

Mitarbeit: Ricarda Franzen - Tontechnik: Roland Grosch - Konzeption und Regie: Robert Schoen - Produktion: HR 2016 - Dauer: 52'

Robert Schoen, geboren 1966 in Berlin. Nach dem Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Giessen arbeitet er seit Mitte der 90er Jahre als Hörspielregisseur und -autor. Seine Hörspiele wurden vielfach preisgekrönt, u.a. erhielt er für «Schicksal. Hauptsache Schicksal» 2011 den Hörspielpreis der Kriegsblinden.

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Redaktion: Mark Ginzler