«Ewigs Gwind» von Hugo Rendler

Alemannischer Monolog eines Mannes, der die Grenzen des alltäglichen Wahnsinns längst überschritten hat. Im luftleeren Raum zwischen realer und halluzinierter Welt findet sich der mittlere Angestellte auf einer sich drehenden Scheibe.

Im luftleeren Raum zwischen realer und halluzinierter Welt.
Bildlegende: Im luftleeren Raum zwischen realer und halluzinierter Welt. Colourbox

Als Olaf Greiner seine Augen aufschlägt, wähnt er sich in einem nicht näher zu definierenden Raum auf einer sich drehenden Scheibe einer Engelsfigur aus Pappe gegenüber und beginnt, dieser seine Geschichte zu erzählen. Zumindest die Teile seiner Geschichte, an die er sich gerade erinnert. Er ist Speditionskaufmann, verheiratet und Vater zweier Mädchen. In den Zwanzigern seines Lebens erkrankte er an einer Cyclothymie. Mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt. In beiden Variationen alltägliche Stimmungsschwankungen weit übersteigend. Heute wird diese Krankheit «bipolare Störung» genannt. Ein Medikament, das hier schon seit vielen Jahren zur Anwendung kommt, ist Lithium. Damit gelingt es in der Regel, die Ausschläge in erträglichen Dosen zu halten.

Als in einer Lebensphase das Pendel bei Olaf doch bedrohlich stark Richtung Depression ausschlägt, experimentiert die vereinigte Ärzteschaft mit verschiedenen neuartigen Antidepressiva herum. Dumm nur, dass Olaf an einer Unvereinbarkeit von Lithium und den neuen Wunderpillen leidet. Noch dümmer, dass die Ärzte die lebensbedrohlichen Symptome, die sich einstellen, kategorisch auf Alkoholmissbrauch zurückführen, der wie Olaf sich sicher ist nicht stattgefunden hat. Olafs Welt zerfliesst. Er halluziniert, sieht sich furchtbaren Qualen ausgesetzt, fällt schliesslich ins Koma. Als er wieder aufwacht, findet er sich in einem Klinikzimmer wieder, fixiert in einem Bauchgurt mit einer unlösbaren Schraube. Er dreht und dreht an ihrem ewigen Gewinde bis zum Sankt Nimmerleinstag kann er drehen

Der Monolog orientiert sich an den Beschreibungen eines Mannes, dem die Unvereinbarkeit von Medikamenten genauso zugesetzt hat wie dem fiktiven Olaf Greiner. Und der bis heute nicht weiss: Ist das, was er gerade erlebt, wahr oder bloss Folge chemischer Wechselwirkungen in seinem Körper?

Mit: Martin Schley

Regie: Mark Ginzler - Produktion: SWR 2013 - Dauer: 55'

Hugo Rendler, geboren 1957 in Stühlingen, wächst in Schwaningen nahe der Schweizer Grenze auf. Nach der Ausbildung zum Krankenpfleger arbeitet er erst in verschiedenen Spitälern, wird Vater von zwei Kindern, heiratet, macht das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, studiert Mathematik und Philosophie, um sich dann in den 1990ern etwas ganz anderem zuzuwenden: der Schriftstellerei. Neben Romanen, die von der fiktiven Ortschaft Düllenbach erzählen, schreibt er Drehbücher und Hörspiele. Für SRF 1 gehört er seit September 2013 zum Autorenteam der «Morgengeschichten».

Redaktion: Mark Ginzler