«Vom Leben gewöhnlicher Männer und Frauen» von Giuseppe Pontiggia

Ganz normale Menschen hat Guiseppe Pontiggia in seinem Roman gezeichnet. Doch nichts ist verrückter als das Normale, wie die Porträts in Franziska Hirsbrunners Hörspielbearbeitung zeigen.

Da wäre Vitali Antoni. Er hat einen guten Beruf, eine Frau und eine Geliebte. Trotzdem ist er unglücklich. Ein Schatten schwebt über ihm: 1932 kam er in Steisslage zur Welt, und bereitete seiner Mutter bei der Geburt schreckliche Schmerzen ein Trauma, mit dem er seiner Frau auf die Nerven geht, und bei seiner Geliebten Anerkennung findet.

Giacchero Elisa ihrerseits kommt aus gutem Haus und wollte schon immer schreiben. Doch irgendwie fehlt ihr der Mut für alles. Sie heiratet den falschen Mann, bekommt zwei Kinder, arbeitet als Lehrerin, hat Affären. Doch dann verliebt sie sich überraschend in ein junges Mädchen und geht zurück auf Start

Spielerisch verkehrt Giuseppe Pontiggia in seinem achtzehn Biografien umfassenden Roman «Vite di uomini non illustri» von 1993 den literarischen Kanon der Lebensbeschreibungen berühmter Männer in das Gegenteil und zeichnet fiktiv, aber akribisch beliebige Lebensläufe durchschnittlicher Zeitgenossen nach. Mit berührendem Witz, einem in der Kürze versteckten Reichtum, und ganz ohne Kitsch und Klischees.

Mit: Paul Burian, Till Kretzschmar, Herlinde Latzko und Susanne-Marie Wrage

Aus dem Italienischen von Barbara Krohn - Musik: Jörg Köppl - Hörspielfassung und Regie: Franziska Hirsbrunner - Produktion: SRF 2008 - Dauer: 40'

Giuseppe Pontiggia, geboren 1934 in Como, war ein Büchernarr. 40'000 Bände hatte er in seiner Mailänder Vierzimmerwohnung gesammelt. Um überhaupt Zeit dafür zu haben, gab er eine Anstellung als Bankkaufmann auf, studierte Literatur, promovierte, wurde Lehrer und schliesslich Schriftsteller. Als Verlagsberater, Kritiker, Übersetzer und Leiter von Schreibseminaren war er vierzig Jahren lang ein Entdecker und Förderer neuer Talente, ein Vermittler zwischen den Literaturen und ihren Epochen. Pontiggia starb 2003 in Mailand.

Jörg Köppl, geboren 1964 in Baden, studierte Bildende Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste und besuchte «Analysen elektroakustischer Musik» bei Thomas Kessler im Elektronischen Studio Basel. Neben Auftritten als Performer mit Peter Zacek realisierte er zahlreiche Audioperformances und -installationen. Er unterrichtet, komponiert für Instrumentalisten und Hörspiele.

Redaktion: Wolfram Höll