«Wie gut muss im Mond wohnen sein!» von Andreas Weiser

1800 erkundete der grosse Forscher Alexander von Humboldt die Flussläufe des Orinoko und des Rio Negro. Andreas Weiser begab sich, mit Mikrophonen bewaffnet, von 2002 bis 2004 ebenfalls in die tropische Wildnis, allerdings in benachbarte Regionen. Dort traf er zwei weitere deutsche Abenteurer.

Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland am Fuß des Vulkans Chimborazo von F.G. Weitsc
Bildlegende: Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland am Fuß des Vulkans Chimborazo von F.G. Weitsc WIKIMEDIA

Weiser versetzt uns mit seinen Original-Tonaufnahmen in den südamerikanischen Regenwald, vermittelt aber keineswegs ein idyllisches Erlebnis. Die menschenfeindliche Seite der Natur kommt ebenso zur Sprache wie die naturfeindliche Seite des Menschen: wohnen heisst kämpfen.

Ausschnitte aus Humboldts Reiseberichten werden in Verbindung gesetzt mit Statements heutiger Abenteurer:

Heinz, genannt Henrique, damals 55 Jahre alt, Sohn eines Dortmunder Schlachtermeisters, studierter Biologe, Kleinfischexperte und Angelverrückter. Verliess in seinen Zwanzigern samt seinem Rucksack das Ruhrgebiet, um in den noch nicht vom Massentourismus überrollten Gegenden dieses Planeten seine Lust nach Abenteuer zu befriedigen. Bis er nach einigen Jahren als Weltenbummler am Rio Negro landete, sich verliebte, ein Kind zeugte, ein Dieselboot kaufte, um auf diesem dann zusammen mit seiner jungen Familie den Rio Negro auf und ab zu fahren.

Otto, 20 Jahre älter als Heinz, ehemaliger Fernfahrer aus dem Osten Deutschlands. Aus nicht näher beschriebenen Gründen Wechsel nach Südamerika, wo er schnell am Amazonas landet und sich hier als Garimpeiro (Goldsucher) und Holzfäller über die Natur, den Schnaps und die Frauen hermacht, während sich die Mücken über ihn hermachen und ihn mit Malaria überziehen. Am Schluss seines wilden, von Alkohol geschwängerten Lebens, sitzt er ohne irgendwelche Papiere, ohne Geld, ohne Frau, völlig vereinsamt in einer mit Palmblättern bedeckten Hütte am Rio Urubu, dem Geierfluss.

Als Weiser 2 Jahre nach den Aufnahmen mit der fertigen Sendung im Gepäck zu Ottos Palmenhütte zurückkehrt und sie ihm überreicht, bricht er in Tränen aus. Es ist das einzige Dokument, das von seiner Existenz erzählt. Kurz danach stirbt er an Leberzirrhose und Malaria. Das namenlose Holzkreuz über seinem Grab verwittert auf irgendeinem gerodeten Hügel auf der Insel am Geierfluss.

Regie: Andreas Weiser - Produktion: HR 2004 - Dauer: 54'

Andreas Weiser, 1957 in Bergisch-Gladbach geboren, hat Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert und arbeitet mit Hauptwohnsitz Berlin als Journalist, Autor, Musiker (Percussion) und Komponist (Hörspiel- und Filmmusik). Die Liste seiner Hörspiel, Radiofeatures und Dokumentarfilme ist ebenso umfangreich wie seine Discographie.

Aus urheberrechtlichen Gründen können wir Ihnen nur einen Ausschnitt des Hörspiels anbieten.

Redaktion: Claude Pierre Salmony