Im Gespräch mit Sir David Attenborough

Vom Mutterinstinkt der Zwergkaimane oder dem Aufstand der Lurche: Sir David Attenborough erzählt im Interview von seinen atemberaubenden Begegnungen im Reich der Kaltblüter.

Sir David Attenboroughmit einem Mississippi-Alligator

Bildlegende: Sir David Attenborough mit einem Mississippi-Alligator SRF

Lyn Hughes: Was war die besondere Herausforderung beim Dreh der Serie «Kaltblütig»?
David Attenborough: Vor allem hatte ich das Problem, dass Reptilien nicht als besonders attraktiv gelten.

Lyn Hughes: Reptilien haben also ein Image-Problem?
David Attenborough: Ja, das begann doch schon im Garten Eden. Seitdem sind Reptilien eine relativ vernachlässigte Spezies. Daher gibt es viele nie zuvor gesehene Dinge zu entdecken. Die Jagdtechniken von Chamäleons oder die elterliche Fürsorge einer aussergewöhnlichen Froschart zu beobachten, ist faszinierend. Viele Menschen sind der Meinung, Reptilien seien dumm, aber es gibt einige sehr intelligente Arten.

Lyn Hughes: Krokodile und Co. haben also Eigenschaften, die ihr negatives Image wettmachen können?
David Attenborough: Ja! Das Verhalten von Krokodilmüttern zum Beispiel ist aussergewöhnlich – Zwergkaimane etwa kümmern sich fürsorglich um ihre Jungen. Die Weibchen legen Eier und wenn die Jungen schlüpfen, tragen die Mütter sie im Maul zur nächstgelegenen Wasserstelle. Das ist ein ganz ausserordentlicher Anblick. Aber nur eines der Weibchen bleibt bei den Jungen und passt auf sie auf.

Lyn Hughes: Wie in einer Kinderkrippe?
David Attenborough: Genau. Eines der Weibchen findet sich also plötzlich mit 100 bis 120 Jungen wieder. Wenn die Wasserstelle austrocknet, entschliesst es sich eines Nachts, alle Jungen zum nächsten Fluss zu führen – der mehrere Kilometer entfernt sein kann. Sie bleibt immer wieder stehen und wartet darauf, dass die Jungen sie einholen, bis sie schliesslich alle ans Ziel gebracht hat.

Lyn Hughes: Was hat Sie bei den Dreharbeiten am meisten überrascht?
David Attenborough: Es gibt diese Amphibien ohne Gliedmassen, sogenannte Schleichenlurche. Sie sehen aus wie Würmer, haben aber ein Rückgrat und aussergewöhnliche Farben, ein leuchtendes Blau zum Beispiel. Sie bauen kleine Höhlen in der Erde und bekommen etwa 20 Junge, die anfangs dicht bei ihrer Mutter bleiben. Dann ist plötzlich die Hölle los bei den Lurchbabys und es sieht so aus, als würden sie ihre Mutter angreifen. In Wirklichkeit fressen sie aber nur Streifen ihrer Haut ab. Die Mutter erneuert ihre sehr fetthaltige Haut einfach wieder. Das hatte zuvor noch niemand gesehen.

Lyn Hughes: Mussten Sie sich besonderen technischen Herausforderungen beim Dreh von «Kaltblütig» stellen?
David Attenborough: Anders als Säugetiere können Reptilien tagelang dasitzen und absolut nichts tun! Filme von Schlangen, die ihre Beute fangen, entstehen deshalb fast immer mithilfe technischer Tricks: Man bringt die Schlange dazu, etwas anzugreifen, filmt einen erschrocken aussehenden Hasen und schneidet die Szenen dann zusammen.

Lyn Hughes: Haben Sie auch mit Tricks gearbeitet?
David Attenborough: Wir haben eine Nachtkamera an einen Bewegungsmelder angeschlossen. So fanden wir eine Klapperschlange, die reglos auf Beute lauerte – das tut sie problemlos wochenlang. Als eine Maus den Felsen heruntertrippelte, begann die Kamera zu filmen. Die Schlange griff an, doch die Maus konnte entkommen. Die Kamera schaltete sich wieder ab. Als die Schlange durchs Gras glitt, schaltete sich die Kamera wieder an und wir glaubten, sie suche die Maus. Man konnte regelrecht sehen, wie sie dachte: «Wo zum Teufel ist die Maus?» Aber auf einmal schoss die Schlange hervor und starrte direkt in die Kamera. Was für ein Anblick!

Lyn Hughes: Wo haben Sie all diese Geschichten gedreht?
David Attenborough: An allen warmen Orten der Erde: Australien, Südamerika, Afrika, Nordamerika.

Lyn Hughes: Und hatten Sie bei dieser Serie genauso viel Vergnügen wie bei den anderen?
David Attenborough: Oh ja. Es ist einfach eine wunderbare Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Zur Person

Lyn Hughes mit einem Lemuren

Lyn Hughes mit einem Lemuren Wanderlust

Das Interview führte Lyn Hughes. Sie ist Journalistin und Mitbegründerin des britischen Reisemagazins «Wanderlust Magazine».