IV-Rente Ablehnung durch die IV: Familienvater leidet seit 15 Jahren

Serafim Soares kann seit 15 Jahren nicht mehr arbeiten. Regelmässig erleidet er Schmerzattacken und hat das Gefühl zu ersticken. Mehr als 30 Ärzte und universitäre Institute sagen, er könne nicht mehr arbeiten. Die IV verweigert ihm dennoch die Rente.

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«Lotterie» IV-Rente: Grosse Unterschiede je nach Gutachter

13 min, aus Kassensturz vom 25.10.2016

Kaspar Rhyner hat als Arzt vierzig Jahre Erfahrung. Einen Patienten wie Serafim Soares hat der ehemalige Chefarzt des Kantonsspitals Glarus aber selten in seiner Praxis. «Es ist etwas Ungewohntes, das sieht man nicht oft. Deshalb wissen viele nicht, was sie damit anfangen sollen.»

Schmerzattacken mit Muskelkrämpfen

Serafim Soares leidet unter mysteriösen Schmerzattacken. Sie beginnen mit extremen Muskelkrämpfen. Die Schmerzen führen zu Atemnot und Soares hat das Gefühl, zu ersticken. Um die Schmerzen zu ertragen, muss er sich stundenlang auf den Fussboden legen.

Begonnen hat sein Leiden vor 15 Jahren. Er geriet bei einem Unfall auf dem Bau unter schwere Röhren – wahrscheinlich die Ursache für seine Schmerzen. Seit 15 Jahren kann er auch nicht mehr arbeiten. Doch die IV anerkennt seine Krankheit nicht. Er erhält keine Rente. Serafim Soares leidet: «Ich bin kein Simulant. Ich versuche es immer wieder. Aber es geht nicht.»

Unverständlicher IV-Entscheid

Kaspar Rhyner behandelt Serafim Soares schon lange. Für ihn ist klar: Der Mann kann nicht arbeiten. Zu diesem Schluss kommen auch 30 andere universitäre Institutionen und Fachpraxen, die Serafim Soares untersucht haben: Er kann gar nicht oder nicht voll arbeiten. Nur drei sagen, Soares sei voll arbeitsfähig. Alle drei waren von der IV beauftragt.

«Da hat man den gesunden Menschenverstand verloren», sagt dazu Kaspar Rhyner. Der erfahrene Arzt hat alle Einschätzungen kontrolliert. Sein Kommentar: «Die drei begutachteten IV-Stellen haben nicht mehr beachtet, dass da renommierte Kliniken, renommierte Doktoren völlig anderer Ansicht sind als sie. Das muss jedem auffallen.»

Gutachter in heiklem Auftragsverhältnis

Wenn jemand aufgrund einer Krankheit oder eines Unfalls nicht mehr arbeiten kann, hat er Anrecht auf eine IV-Rente. Bei komplexen Fällen entscheidet die IV aufgrund externer Gutachterstellen über die Rente. Dieses System kritisiert «Kassensturz» seit Jahren. Denn es besteht ein heikles Auftragsverhältnis zwischen der IV und den 29 medizinischen Abklärungsstellen.

Die IV hat zwar auf Kritik reagiert. Inzwischen verteilt sie die Gutachten nach dem Zufallsprinzip per Los-System. Doch für die Patienten hat sich nichts verbessert. Kritiker monieren, je nach Medas, der man zugeteilt wird, habe man Chancen, fair beurteilt zu werden oder nicht (siehe «Kassensturz»-Beitrag).

Familie leidet

Für Serafim Soares und seine Familie hat die Ablehnung der IV-Rente einschneidende Folgen. Soares lebt mit seiner Frau und einer 13-jährigen Tochter in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Das Einkommen bestreitet die Ehefrau mit mehreren Putz-Jobs. Das Wohnzimmer ist zugleich Büro, Aufenthaltstraum und Schlafzimmer für die Tochter.

Das Mädchen kämpft während dem Interview mit «Kassensturz» mit den Tränen: «Meinem Vater geht es nicht gut und die Leute sagen, er simuliere. Statt dass man ihm Mut macht, machen sie ihn fertig. Damit muss auch ich leben.»

Das Bundesamt für Sozialversicherungen wollte sich zum Fall Soares nicht äussern, weil es sich um ein laufendes Verfahren handle.

IV-Rente als «Lotterie»

IV-Rente als «Lotterie»

Grosse Unterschiede je nach Gutachter: Der «Kassensturz» zeigt, ob Betroffene eine IV-Rente erhalten oder nicht, hängt stark vom Gutachter ab. Zum «Kassensturz»-Beitrag.

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