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Versicherungen Arztrechnung: Zuerst zum Patienten oder direkt zur Kasse?

In den meisten Kantonen bezahlen zuerst die Patienten die Arztrechnungen und erhalten dann das Geld von der Krankenkasse zurückbezahlt. So steht es auch im Gesetz. Nun rechnen aber immer mehr Ärzte direkt über die Krankenkasse ab. Das ist für Arzt und Patient bequem, hat aber auch Nachteile.

Legende: Audio Arztrechnung: Zuerst zum Patienten oder direkt zur Kasse? abspielen. Laufzeit 4:22 Minuten.
4:22 min, aus Espresso vom 20.12.2016.

So kennen es die meisten Patienten: Wenn sie beim Arzt waren, schickt ihnen dieser die Rechnung. Der Patient bezahlt sie und reicht den Rückforderungsbeleg bei seiner Krankenkasse ein. Diese bezahlt dem Patienten die Summe abzüglich Selbstbehalt und Franchise zurück.

Immer mehr Ärzte rechnen direkt über Kasse ab

Dieses System heisst Tiers garant und ist im Krankenversicherungsgesetz standardmässig für alle Kosten im ambulanten Bereich vorgesehen. Bei Spitalaufenthalten ist es anders: Dort kommt der Tiers payant zum Zug. Das heisst, das Spital rechnet direkt mit der Krankenkasse ab.

In letzter Zeit setzen aber auch immer mehr Ärzte auf Tiers payant: Sie schicken die Rechnung als der Krankenkasse anstatt dem Patienten.

Für Patienten wie auch für die Ärzte sei dieses System auf den ersten Blick einfach und bequem, sagt Urs Stoffel von der Ärztevereinigung FMH. Es habe aber auch einige Nachteile: «Bei den Versicherten geht das Kostenbewusstsein verloren. Wenn sie eine Rechnung zuerst selber bezahlen müssen, kontrollieren sie die Rechnung genauer. Zudem werden viele kleine Rechnungen unter 100 Franken gar nicht eingeschickt, sondern aus der eigenen Tasche bezahlt.» Dies wiederum reduziere die Gesundheitskosten.

Patienten sollen bestimmen, was an die Krankenkasse geht

Auch Margrit Kessler, Präsidentin der Stiftung für Patientenschutz plädiert dafür, dass die Rechnung zuerst an den Patient geht: «Das Wichtigste ist, dass der Patient die Rechnung kontrolliert. Nur er weiss, ob der Arzt die verrechneten Untersuchungen wirklich gemacht hat.» Zudem gingen bei der automatischen Abrechnung Gesundheitsinformationen an die Kasse, welche der Patient möglicherweise für sich behalten möchte wie psychiatrische Behandlungen oder ein HIV-Test.

Die beiden Krankenkassen-Verbände Santésuisse und Curafutura favorisieren keines der beiden Abrechnungssysteme. Es hätten beide Vor- und Nachteile, sagt Christoph Kaempf von Santésuisse.

Eine Umfrage bei einigen grossen Krankenkassen zeigte ebenfalls ein uneinheitliches Bild. Die CSS und die Swica favorisieren keines der beiden Systeme. Concordia und Sanitas sind für Tiers garant, weil nur so die Patienten die Arztrechnung kontrollieren könnten. Allerdings sei der administrative Aufwand für Patienten im Tiers garant höher.

Klar für die direkte Abrechnung mit der Krankenkasse setzt sich die Helsana ein. Mediensprecher Stefan Heini sagt: «Wir sind für Tiers payant, weil es kundenfreundlicher, einfacher und günstiger ist. Wichtig ist aber, dass der Patient immer eine Kopie der Rechnung erhält.»

Über die Hälfte der Ärzte rechnen direkt ab

Allerdings sei dies im Alltag kaum der Fall, denn die wenigsten Patienten erhielten vom Arzt eine Rechnungskopie, wenn er direkt mit der Krankenkasse abrechnet, hält Margrit Kessler von der SPO fest: «Das hat noch nie funktioniert. Obwohl es im Gesetz vorgeschrieben ist.»

Bei den angefragten Krankenkassen rechnen zwischen 50 bis 60 Prozent der Ärzte direkt ab, Tendenz steigend. Erhebungen der Helsana zeigen, dass seit 2009 immer mehr Ärzte ihre Rechnung nicht dem Patienten sondern der Kasse schicken.

Definition:

Tiers garant: Der Arzt schickt die Rechnung an den Patienten, dieser bezahlt sie und leitet sie weiter an die Krankenkasse zur Kostenvergütung.

Tiers payant: Der Arzt sendet die Rechnung direkt an die Krankenkasse. Diese bezahlt den kompletten Betrag und stellt anschliessen dem Versicherten die Kostenbeteiligung in Rechnung.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Otmar Häfliger (*****)
    Sinnvoll und gesetzeskonform ist die Zustellung der Arzt-Rechnung direkt an die Patienten zur Kontrolle und ev. Weiterleitung an die Krankenkasse, welche den Arzt direkt bezahlt. Damit wird auch verhindert, dass P. das Geld von der KK beziehen, den A. aber nicht bezahlen. Letzteres ein wichtiger Grund für den Wechsel vieler Ä. zum tiers payant! Viele Ä. stellen zudem zusätzlich zur Tarmed-Rechnung den P. freiwillig eine Rechnung in einem auch für sie lesbaren Format zu!
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Die Abrechnung direkt mit der KK hat mE nur Vorteile. Die Helsana schickt jedesmal eine Kopie zur Kontrolle, auch jedes Frühjahr eine komplette+übersichtliche Zusammenstellung der Prämien+Rechnungen vom Vorjahr für Steuerabzüge, man kann sie überprüfen, ansonsten hat man nichts mehr damit zu tun. Direktabrechnung KK-Arzt/Spital hat auch den Vorteil, dass Patienten nicht mehr mit dem von der KK überwiesenen Geld in die Ferien oder es anderweitig verpuffen können.
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    1. Antwort von Otmar Häfliger (*****)
      Die KK können/wollen die R. gar nicht prüfen. Selber erlebt: KK hat die Spital-R. bezahlt. In der von mir dann angeforderten Rechnungs-Kopie waren Leistungen von > CHF 300.- doppelt abgerechnet; wäre für die KK leicht ersichtlich gewesen. Ich musste mich aber für die Anforderung der Rechnungskopie noch fast entschuldigen. Zudem: der P. soll aus "erzieherischen Gründen" wissen, was die KK wofür bezahlt und nicht einfach eine Pauschalabrechnung bekommen.
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    2. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      Natürlich soll der Patient wissen, wofür bezahlt wird. Bei der Helsana bekomme ich unaufgefordert jede Rechnungskopie und Leistungsabrechnung zugeschickt und habe so Gelegenheit, alle Rechnungsposten oder Abzüge wie Franchise, Selbstbehalt etc in aller Ruhe zu prüfen und allenfalls zu reklamieren. Die übersichtliche Gesamtzusammenstellung vom Vorjahr für die Steuererklärung kommt anfangs Jahr auch automatisch. Was spricht dagegen?
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