«Kassensturz»-Spezial Einsatz auf Abruf: Profit maximieren auf Kosten der Angestellten

Die Kleiderkette H&M will ihre Angestellten nur dann arbeiten lassen, wenn viele Kunden im Laden stehen. Teilzeitangestellte sollen nur für ein paar Stunden während den Spitzenzeiten arbeiten, aber zu 100 Prozent zur Verfügung stehen. Sie sprechen von Gewinnmaximierung auf ihre Kosten.

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Arbeit auf Abruf: Gewinnmaximierung auf Kosten der Angestellten

7:49 min, aus Kassensturz vom 2.5.2017

«H&M verfolgt eine neue Strategie. Der Modekonzern hat eine Vision», verrät eine H&M-Filialleiterin «Kassensturz». Neu sollen die gewöhnlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von H&M nur noch Arbeitsverträge bis maximal zu 50 Prozent erhalten.

Verlangt werde aber bei allen eine Verfügbarkeit von 100 Prozent, erzählt die H&M-Filialleiterin, die anonym bleiben will. «In einigen Filialen in der Schweiz hat H&M die Vision bereits getestet und umgesetzt.»

Neuanstellung nur mit grosser Flexibilität

Tatsächlich: Die Stellenangebote auf der Homepage des schwedischen Modeunternehmens belegen diese Aussagen. Die Firma sucht in der ganzen Schweiz Verkäuferinnen, sogenannte «Sales Advisors». Sie sollen Teilzeit zu 30 bis 50 Prozent arbeiten und flexibel einsetzbar sein. Auch am Samstag, Sonntag und im Abendverkauf.

«Sie suchen gezielt solche Leute und sie wollen das bei jedem Mitarbeiter umsetzen», erzählt eine langjährige H&M-Verkäuferin. Eine andere ergänzt: «Bei uns haben sie eine Neue angestellt. Die kommt jeweils von 16:00 bis 20:00 Uhr arbeiten. Ihre Arbeitstage wechseln jede Woche.»

Konzern-Umsätze sind rückläufig

H&M ist eines der grössten Modeunternehmen der Welt. Allein in der Schweiz gibt es 96 Filialen und über 2500 Mitarbeiter. Doch auch H&M spürt offenbar die Konkurrenz des Online-Handels. Die Umsätze sind rückläufig. Darunter leiden auch die Angestellten.

Arbeit auf Abruf

Auch von diesen beiden Verkäuferinnen verlangt H&M in Zukunft die totale Flexibilität. Konkret heisst das: H&M will sie jeden Tag nur noch ein paar Stunden arbeiten lassen. «Ich komme dann jeden Tag eine Mittagsablösung machen oder den Laden aufräumen am Abend beispielsweise», klagt die eine Verkäuferin.

Die beiden sind Mütter und arbeiten seit Jahren für H&M in einem Teilzeit-Pensum, immer an denselben Tagen in der Woche, rund acht Stunden pro Tag. Das sei praktisch sagen sie. Job und Kinder liessen sich auf diese Weise gut planen.

«Wem es nicht passt, kann gehen»

Doch was H&M jetzt von ihnen fordere, sei praktisch unmöglich: «Es ist schwierig als Mutter, das so einzurichten.» Zudem würden sie nicht gerade um die Ecke wohnen. «Dann ist man einfach den ganzen Tag unterwegs, nur um drei Stunden zu arbeiten». Brisant: Wem dies nicht passe, der könne gehen, heisse es bei H&M.

Die langjährigen H&M-Verkäuferinnen fühlen sich nur noch als Abrufkräfte und nicht mehr als geschätzte Mitarbeiterinnen. «Ich finde es sehr verletzend, wie sie mit uns umgehen. Es macht mich traurig.» Ihre Arbeitskollegin ergänzt: «Ich bin wahnsinnig enttäuscht von H&M, weil die Firma der beste Arbeitgeber sein möchte, aber momentan alles daran setzt, dass dies nicht mehr so ist.»

H&M äussert sich gegenüber «Kassensturz» nur schriftlich. Der Einzelhandel unterliege einem ständigen Wandel. Um ein stabiles Unternehmen aufrecht zu erhalten, nähme H&M die Verantwortung ernst, schreibt das Modehaus. «Wir folgen jederzeit den Gesetzen und Reglementen in der Schweiz und wollen ein attraktives Arbeitsumfeld im Einklang mit bestem Kundenservice gewährleisten.»

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