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«Kassensturz»-Spezial Flexible Arbeitszeiten: Freiheit oder Ausbeutung?

Mehr Freiheit bei der Gestaltung der Arbeit versprechen bürgerliche Politiker. Sie wollen darum das Arbeitsgesetz lockern. Gewerkschaften jedoch befürchten Burnouts, Arbeiten bis zum Umfallen und noch mehr Stress. «Kassensturz» zeigt, wer von flexiblen Arbeitszeiten profitiert – und wer verliert.

Legende: Video «Flexible Arbeitszeiten: Freiheit oder Ausbeutung?» abspielen. Laufzeit 12:00 Minuten.
Aus Kassensturz vom 02.05.2017.

«Wir müssen dann arbeiten, wenn es für den Kunden notwendig ist», sagt Dominik Bürgy. Der Vorsitzende von Allianz Denkplatz Schweiz will die wöchentliche Höchstarbeitszeit aufheben und nur noch eine vorgeschriebene Jahresarbeitszeit einführen. «Innerhalb dieses Rahmens wollen wir uns die Arbeit flexibel einteilen können», sagt Bürgy.

Flexible Arbeitszeiten bedeuten oft mehr Überstunden

Die Flexibilität im Schweizer Arbeitsalltag nimmt stetig zu. Bereits die Hälfte der Schweizer Angestellten haben heute flexible Arbeitszeiten. Dies ist grundsätzlich eine positive Sache. Denn: Erwerbstätige, die selber ihre Arbeitszeiten bestimmen können, sind insgesamt zufriedener.

Das Problem: Der Grossteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit flexiblen Arbeitszeiten macht auch deutlich mehr Überstunden als Angestellte mit fixen Zeiten. Dies zeigen verschiedene Studien.

Laut Bundesamt für Statistik leisteten alle Arbeitnehmer in der Schweiz im Jahr 2015 gesamt fast 200 Millionen Überstunden. Hinzu kommt, dass diese nicht selten unbezahlt bleiben.

Bürgerliche fordern Reduktion beim Arbeitnehmerschutz

Graber
Legende: Konrad Graber. SRF

CVP-Ständerat Konrad Graber eilt der Allianz Denkplatz Schweiz mit einer Parlamentarischen Initiative zu Hilfe. Er will «den Bedürfnissen des Denk- und Werkplatzes Schweiz durch eine Teilflexibilisierung des Arbeitsgesetzes Rechnung tragen», wie er in seiner Initiative schreibt.

Konkret fordert er unter anderem eine Reduzierung der Ruhezeit, eine Aufhebung des Sonntagsarbeitsverbots. Auch will er das Recht abschaffen, Überstunden bei Familienpflichten ablehnen zu dürfen – wie etwa die Betreuung kranker Kinder.

Karin Keller-Sutter
Legende: Karin Keller-Sutter. SRF

Auch FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter schlägt in die gleiche Kerbe: Sie will die Aufhebung der gesetzlich vorgeschrieben Arbeitszeiterfassung wesentlich ausweiten. Heute sind erst ca. 15 Prozent der Erwerbstätigen von der Pflicht der Zeiterfassung ausgenommen.

Nach den Ideen von Ständerätin Keller-Sutter sollen leitende Arbeitnehmer mit gewisser Autonomie, sowie Fachspezialisten in vergleichbarer Stellung die Arbeitszeiten nicht mehr erfassen müssen.

Gewerkschaften: «Politik will den Wilden Westen»

Für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund SGB sind die politischen Vorstösse ein Frontalangriff auf den Arbeitnehmerschutz. «Das Schweizer Arbeitsgesetz gilt heute schon als das liberalste in Europa», sagt Luca Cirigliano, SGB-Zentralsekretär.

 Luca Cirigliano
Legende: Luca Cirigliano. SRF

Die neuen Forderungen seien extrem: «Da will man den Wilden Westen einführen.» Und das zu einem Zeitpunkt, wo erst gerade eine Deregulierung vorgenommen wurde, die am 1. Januar 2016 in Kraft getreten sei, so Cirigliano.

«Vertrauensarbeitszeit birgt klare Risiken», weiss Andreas Krause, Professor für Arbeitspsychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er hat eine Studie dazu verfasst. «Es wird mehr gearbeitet, auch eher in der Freizeit. Es wird auch tendenziell eher gearbeitet, obwohl man krank ist», warnt Krause mit Blick auf seine Studienresultate.

Die gesundheitlichen Gefahren

Andreas Krause warnt zudem vor Wochenarbeitszeiten von über 50 Stunden, wie sie Dominik Bürgy und anderen vorschweben.

Aus der Forschung wisse man, dass wenn «Personen über einen längeren Zeitraum 48 oder 50 Stunden arbeiten, das Gesundheitsrisiko – darunter Herzkreislauferkrankungen – erhöht sei», sagt Krause. Nicht nur sei die Gefahr von Unfällen grösser, man arbeite letztendlich auch weniger effizient, so Krause.

Für Dominik Bürgy und die Befürworter überwiegen die Vorteile einer weiteren Flexibilisierung der Arbeitszeiten klar. Kraft könne man nicht nur aus Familie und Freizeit, sondern auch aus der Arbeit schöpfen, so Bürgy.

Ausserdem: «Wir leben in einer digitalisierten und mobilen Welt, insbesondere im Dienstleistungsbereich. Und das Arbeitsgesetz ist nicht auf das ausgerichtet. Das Arbeitsgesetz ist auf industrielle Arbeitsplätze mit sehr fixen Zeiten ausgerichtet.»

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Werner Caviezel (Angemeldet)
    Immer wird das Gastgewerbe zitiert. Wenn man dort arbeitet weiss man im voraus um die Arbeitszeiten. Im Detailhandel ist das aber nicht so.
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  • Kommentar von Peter Aufenast (Kritiker)
    Zugegeben, Arbeit auf Abruf ist nicht das gelbe vom Ei für den Arbeitnehmer. In verschiedenen Branchen (z.B. Gastgewerbe, Verkauf von wetterabhängigen Produkten etc.) geht es leider vielmals nicht anders. Es geht nicht um Gewinnmaximierung auf Kosten der Angestellten sondern schlicht und einfach um das Überleben des Betriebes. Unzählige in den Sand gesetzte Betriebe lassen grüssen!
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  • Kommentar von Werner Caviezel (Angemeldet)
    Super, Graber und Keller-Suter, die Lobby der Grossverteiler. Ist klar, wer hinter alldem steckt: unsere lieben M und C. Die wollen an Sonntagen und immer offen haben und arbeiten schon lange darauf hin. Es ist höchste Zeit sich zu wehren. Wann kommt es zum Streik des Verkaufspersonals? Längere Öffnungszeiten bedeuten nicht mehr Umsatz, der Kuchen bleibt gleich gross. Wird nur anders verteilt und damit machen die Grossen alle Kleinen platt. Dann gibt's nur noch Migros und Coop. Auslandeinkauf!
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    1. Antwort von Michi H (M)
      Etwas flexiblere Oeffnungszeiten bei Migros & Coop waeren aber schon ganz gut. Das Problem ist evident, wenn Supermaerkte und andere Verkaufsgeschaefte dann offen haben, wenn ein Grossteil der Bevoelkerung arbeitet, bleiben frueher oder spaeter die Kunden aus. Ich habe das Glueck der Vertrauensarbeitszeit und kann deshalb auch mal frueher gehen um noch was einzukaufen, aber wer fixe Arbeitszeiten hat, hat damit Probleme. Das heisst nicht unbedingt mehr arbeiten, aber flexibler verteilen.
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    2. Antwort von Werner Caviezel (Angemeldet)
      @ Michi H Das ist doch nur eine frage der Organisation. Wir haben alle die 5-Tage-Woche, die Läden sind aber an 6 Tagen offen. Man hat immer irgendwann Zeit um einzukaufen, die Ladenöffnungszeiten sind vollkommen ausreichend. Viele sind aber zu bequem sich zu organisieren und haben das Gefühl, das Ladenpersonal müsse immer da sein.
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