Griechenlands aggressive Schuldeneintreiber

Im Rahmen der Sommerserie «Espresso goht fremd» blicken wir nach Griechenland: Dort haben die Menschen aufgrund von Sparmassnahmen heute deutlich weniger Geld zur Verfügung als noch vor ein paar Jahren – viele sind verschuldet. Ein gefundenes Fressen für dubiose Inkassobüros.

Keine Konsumentensendung in Griechenland

Eigentlich wollten wir an dieser Stelle wie gewohnt einen Steckbrief einer griechischen Konsumentensendung publizieren. Jedoch gibt es eine solche Sendung in Griechenland nicht. Konsumthemen werden lediglich in den normalen Nachrichtensendungen von Radio und Fernsehen aufgegriffen.

«Wie komme ich mit möglichst wenig Schulden über die Runden?» Kaum eine andere Frage beschäftige griechische Konsumentinnen und Konsumenten so sehr wie diese, erzählt Rodothea Seralidou, SRF-Griechenland-Korrespondentin. Die Situation der Menschen habe sich wegen der Sparmassnahmen stark geändert: «Die Gehälter sind gesunken, die Renten wurden gekürzt, gleichzeitig müssen die Menschen mehr Steuern und Sozialabgaben bezahlen.»

«  Man setzt Prioritäten, fragt sich, welche Rechnung kann warten, welche bezahle ich eventuell gar nicht. »

Rodothea Seralidou

Dass man irgendwo Schulden mache und nicht allen finanziellen Verpflichtungen nachkommen könne, stehe für viele ausser Frage. «Und so setzt man Prioritäten, fragt sich, welche Rechnung kann warten, welche bezahle ich eventuell gar nicht», so Seralidou.

Telefonterror am Arbeitsplatz

Im Zuge dieser Entwicklung seien in den letzten Jahren Inkassobüros wie Pilze aus dem Boden geschossen, weiss die Korrespondentin. Und diese Schuldeneintreiber machten regelrechten Telefonterror: «Mitarbeiter dieser Firmen rufen von allen möglichen Telefonnummern an, sie rufen am Arbeitsplatz an und machen auch vor der Familie nicht halt.»

Was das bedeutet, hat Rodothea Seralidou schon selbst erlebt – aufgrund einer nicht bezahlten Handyrechnung. Das Telefon habe täglich geläutet, auch am späten Abend oder am Wochenende. Das ging so weit, dass sogar die Schwiegereltern der Korrespondentin nonstop mit Anrufen belästigt wurden.

Büros handeln illegal

Ein solches Vorgehen wäre in Griechenland eigentlich nicht erlaubt. Seit 2009 ist die Arbeit von Inkassobüros gesetzlich geregelt. Und dieses Gesetz sieht vor, dass Schuldner höchstens alle zwei Tage angerufen werden dürfen und dies nur tagsüber und nicht am Wochenende. Anrufe am Arbeitsplatz sind abgesehen von wenigen Ausnahmen nicht erlaubt. Und verboten ist es zudem, in die Privatsphäre eines Schuldners einzudringen. Die Familie eines Schuldners über offene Rechnungen zu informieren, geht also eindeutig zu weit.

Konsumenten kennen ihre Rechte nicht

Anlaufstellen gäbe es für verschuldete Menschen in Griechenland durchaus: Viele Schuldnervereine stehen ihren Mitgliedern beratend zur Seite. Und auch auf staatliche Hilfe können Konsumentinnen und Konsumenten zurückgreifen – über eine Telefon-Hotline können sich Betroffene über illegal handelnde Inkassobüros beschweren.

«Leider ist es aber so», berichtet Rodothea Seralidou, «dass die wenigsten Konsumenten wissen, dass es solche Stellen überhaupt gibt». Und diejenigen die es wissen, nutzten das Angebot nur zögerlich: «Viele schämen sich, denn sie müssten ja dann auch zugeben, dass sie eine Rechnung nicht bezahlt haben.»

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