Kriminologin: «Betrugs-Opfer kann jeder werden»

«Wie kann man nur so blöd sein? Da merkt doch jeder Depp, dass hier etwas faul ist!» Das denkt sich vielleicht, wer zum wiederholten Mal von einem gelungenen Enkeltrick oder Anlagebetrug liest. So einfach ist es aber nicht. Experten sagen: Es kann jeden von uns erwischen.

«Alle diese Betrugsmaschen haben ein bestimmtes Zielpublikum. Sie sind massgeschneidert», erklärt Henriette Haas, Kriminologin und Professorin für forensische Psychologie an der Universität Zürich.

Tricks, welche gut Ausgebildete gleich durchschauen würden, seien eben auf ein anderes Zielpublikum zugeschnitten. Es gebe aber auch Betrugsmaschen, die auf erfolgreiche, gestresste Menschen zielen.

Damit arbeiten beispielsweise Anlagebetrüger, welche einem «netterweise» auch gleich die Vermögensverwaltung abnehmen. Aus Bequemlichkeit überprüfen beruflich stark belastete Leute dann zu wenig, wie genau ihr Geld angelegt ist.

Enkeltrickbetrüger arbeiten mit der Angst

Henriette Haas

Bildlegende: Henriette Haas, Kriminologin und Professorin für forensische Psychologie an der Universität Zürich. SRF

Eine aktuelle, massgeschneiderte Betrugsmasche ist der sogenannte Enkeltrickbetrug, bei dem angebliche Enkel oder Neffen von älteren Menschen hohe Geldbeträge ergaunern. Aussenstehende würden sich oft darüber wundern, sagt Henriette Haas. Die betroffenen Rentner wüssten doch eigentlich, wer ihr Enkel oder Neffe sei.

Das sei aber nicht das Problem. Sondern, dass hochbetagte Leute im Alltag oft sehr unsicher seien. Sie würden nicht mehr gut sehen und hören, seien auch motorisch eingeschränkt.

«Wenn so ein Enkeltrickbetrüger auftaucht, denken sich diese Leute vielleicht auch, dass da etwas nicht stimmen kann. Aber sie haben die Kraft nicht, um eine solche Person wieder aus der Wohnung zu bugsieren», so Henriette Haas. Sie hätten Angst, sich zu wehren. Dies würden die Betrüger ausnützen.

Vermeintliche Glaubwürdigkeit

Andere Betrugsmaschen, wie falsche Gewinnversprechen, spielen mit heimlichen Wünschen und Hoffnungen. Eher unglückliche und einsame Menschen würden sich sagen: «Vielleicht klopft das Glück ja auch mal bei mir an.»

Aber auch die gute soziale Vernetzung könne ein Risikofaktor sein. Als Beispiel erwähnt Psychologie-Professorin Henriette Haas den «European Kings Club», ein betrügerisches Pyramidensystem aus den 90er-Jahren: «Da wurden ganze Dörfer reingezogen. Die Beziehungen der Menschen untereinander verliehen dem Betrugssystem Glaubhaftigkeit. Man sagte sich: ‚Wenn der Nachbar, ein guter Geschäftsmann, mitmacht, dann wird das schon stimmen.‘»

Kleine Betrügereien machen aufmerksam

Zwar könnte man auch massgeschneiderte Betrügereien durchschauen, meint Henriette Haas. Ständig wachsam zu sein, sei aber ein unglaublicher Aufwand. Deshalb gebe es keine 100-prozentige Sicherheit.

Ab und zu auf einen kleinen Schwindel hereinzufallen habe auch seine guten Seiten, tröstet Henriette Haas: «Manchmal ist es sinnvoll, wenn man einen solchen kleinen ‚sozialen Unfall‘ baut. Dann geht man wieder aufmerksamer durchs Leben.»

Interview Teil 2

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