Leder-Produktion in Indien: «Das geht unter die Haut»

Für «Kassensturz» reiste Marianne Kägi nach Indien, um sich ein Bild über die dortige Lederproduktion zu machen. Gesehen hat die Reporterin leidende Arbeiter und gequälte Tiere. Im Konsumentenmagazin «Espresso» auf Radio SRF 1 schildert sie ihre Eindrücke.

«Espresso»: Marianne Kägi, Sie haben in Indien unter anderem eine Gerberei besucht. Unter welchen Bedingungen wird dort gearbeitet?

Für den Gerbprozess braucht es viele Chemikalien und entsprechend stinkt es zunächst einmal bestialisch. Mir ist aufgefallen, dass viele Arbeiter ungeschützt waren: Sie wateten barfuss in chemischen Brühen und trugen auch keine Handschuhe. Ich konnte mit dem Manager der Gerberei sprechen und er sagte, dass sehr viele seiner Arbeiter Atembeschwerden und Hautausschläge hätten

«Espresso»: Was sagen die Arbeiter selbst?

Ich habe diverse Arbeitersiedlungen besucht. Und von den Menschen dort hörte ich immer wieder das Gleiche: Juckende Hautausschläge an Armen, Beinen und auf dem Rücken. Es gab auch viele Männer mit starkem Asthma. Örtliche Spitäler bestätigten, dass viele Gerberei-Arbeiter krank werden von den Chemikalien, mit denen sie arbeiten.

«Espresso»: Das Leder stammt von Rindern. Sie haben für Ihre «Kassensturz»-Reportage einen Viehmarkt besucht, auf welchem Rinder für die Lederproduktion verkauft werden.

Diese Tiere werden nach dem Verkauf in Schlachthöfe transportiert. Diese liegen oft sehr weit weg – wir konnten einen Transporter filmen, der eine zehnstündige Fahrt vor sich hatte. Ich habe gesehen, wie Zwischenhändler dutzende Rinder regelrecht in einen Lastwagen gepfercht haben. Die Tiere werden an der Decke festgebunden. Wenn es dann während der Fahrt stark holpert, können sich die Tiere die Beine brechen und hängen so stundenlang im Lastwagen.

«Espresso»: Und nach dieser Fahrt wartet der Schlachthof. Die Tiere werden geschächtet?

Das passiert in einfachen Hütten. Die Metzger pressen die Tiere auf den Boden und schneiden ihnen mit einem Messer die Kehle durch. Mein Eindruck war, dass das Messer sehr stumpf war. Danach lagen die Tiere zum Teil minutenlang röchelnd auf dem Boden und verbluteten. Das geht unter die Haut.

«Espresso»: Müssen Schweizer Konsumenten damit rechnen, dass auch in ihren Schuhen Leder aus solchen Bedingungen steckt?

Ja. Die Lederproduktion ist im Moment nicht transparent. Nicht einmal Händler, die sich um Transparenz bemühen, können genau sagen, von welchen Tieren das Leder stammt, wo und wie sie geschlachtet worden sind und wo das Leder gegerbt wurde. Das Einzige, was man als Konsument im Moment tun kann, ist sich in den Schuhgeschäften nach der Herkunft des Leders zu erkundigen. So bringt man möglicherweise einen Stein ins Rollen um das Geschäft mit dem Leder transparenter zu machen.

Über die schlimmen Zustände in der Lederproduktion hat «Espresso» vor einigen Monaten berichtet. Damals kritisierte die Nichtregierungsorganisation «Erklärung von Bern» insbesondere das Fehlen eines Labels für nachhaltiges Leder.