Zum Inhalt springen

Header

Audio
Darf der Chef die Krankheit im Zeugnis erwähnen?
Aus Espresso vom 30.04.2015.
abspielen. Laufzeit 3 Minuten 26 Sekunden.
Inhalt

Arbeitsrecht Darf der Chef die Krankheit im Zeugnis erwähnen?

Ein «Espresso»-Hörer musste seine Stelle wegen eines Burn-outs kündigen. Im Arbeitszeugnis steht, das Arbeitsverhältnis sei nach längerdauernder Krankheit aufgelöst worden. Mit diesem Zeugnis bekommt der Mann auf der Jobsuche nur Absagen. «Espresso» sagt, wann eine Krankheit ins Zeugnis gehört.

«Ich habe meine Stelle nach einem Burn-out aufgeben müssen», schreibt ein «Espresso»-Hörer. Jetzt ist der Mann wieder auf Stellensuche. Doch die gestaltet sich schwierig.

Denn im Zeugnis steht: «Dieses Zeugnis erstellen wir, da Herr P. am 11. Juni seinen letzten Arbeitstag hatte und wir das Arbeitsverhältnis nach länger dauernder Krankheit per Ende der Lohnfortzahlung auf den 31. Dezember 2014 auflösen.»

Kranke Angestellte sind bei der Stellensuche chancenlos

Mit diesem Zeugnis habe er keine Chance auf dem Arbeitsmarkt, schreibt der Mann. Er bekomme nur Absagen. Seine Frage an «Espresso»: «Muss ich dieses Zeugnis so akzeptieren?»

Audio
Arbeitszeugnis-Chat: Die wichtigsten Antworten
aus Espresso vom 01.05.2015.
abspielen. Laufzeit 4 Minuten 32 Sekunden.

Ein Arbeitszeugnis ist ein Leistungsausweis – und kein Arztzeugnis.

Krankheitsbedingte Absenzen dürfen nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtes nur ausnahmsweise erwähnt werden. Unter folgenden Voraussetzungen:

  • Wenn die Absenzen einen wesentlichen Teil des Arbeitsverhältnisses überschattet haben, oder
  • wenn die Leistungen stark unter der Krankheit gelitten haben, oder
  • wenn die gesundheitlichen Einschränkungen zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses geführt haben

Die Krux: Wendet man diese Regeln in der Praxis streng an, wären kranke Angestellte wie «Espresso»-Hörer P. auf der Stellensuche so stark behindert, dass sie quasi vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen würden. Das darf aber nicht sein.

Krankheit nur erwähnen, wenn es Sinn macht

Ob eine Krankheitsabsenz im Arbeitszeugnis erwähnt werden soll, sollte immer an den Umständen des konkreten Einzelfalls geprüft werden. Zulässig und vor allem fair ist eine Erwähnung in folgenden Fällen:

  • Wenn der Arbeitnehmer den Hinweis wünscht, weil er so zum Beispiel eine Neuorientierung begründen kann. Beispiel: Ein Lastwagenchauffeur muss sich neu orientieren, weil er mit den Augen Probleme hat. Oder
  • Wenn die gesundheitlichen Probleme dermassen gravierend sind, dass der Arbeitnehmer gewisse Tätigkeiten gar nicht mehr ausführen kann und sich deshalb neu ausrichten muss. Beispiel: Ein Lagerist darf wegen Rückenproblemen nur noch maximal zehn Kilogramm heben.

Bei «Espresso»-Hörer P. haben die Absenzen nicht einen grossen Teil des Arbeitsverhältnisses überschattet. Aber: Die Krankheit hat zur Kündigung geführt.

Dennoch: Er kann nach seiner Genesung wieder uneingeschränkt auf seinem Beruf als Sozialarbeiter tätig sein. Eine Erwähnung der Krankheit und insbesondere der Dauer der Absenz erscheint vor diesem Hintergrund nicht als verhältnismässig.

Es genügt also, wenn der Arbeitgeber im Zeugnis schreibt, das Arbeitsverhältnis ende per 31. Dezember.

Der «Espresso»-Hörer hat zwischenzeitlich das Gespräch mit seinem ehemaligen Arbeitgeber gesucht und ihm seine Argumente erklärt. Der Arbeitgeber hat das Zeugnis entsprechend angepasst.

Experten-Chat

Box aufklappen Box zuklappen
Experten-Chat

Rechtsexpertin Gabriela Baumgartner beantwortete Ihre Fragen. Hier geht's zum Protokoll.

Alle Rechtsfragen

Box aufklappen Box zuklappen
Alle Rechtsfragen

Die Rechtsexpertin Gabriela Baumgartner beantwortet jeden Donnerstag in «Espresso» eine Rechtsfrage. Hier geht es zu den bisherigen Antworten.
Falls auch Sie eine Frage haben, schreiben Sie uns.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

2 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Klaus Gerhard , Zürich
    Das Bundesgericht hat dies neulich spezifiziert (BGE 136 III 510 E.4, siehe auch https://www.lexwiki.ch/arbeitszeugnis): Eine Krankheit darf nur dann erwähnt werden, wenn sie einen sachlichen Grund zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses darstellte oder im Verhältnis zur gesamten Vertragsdauer so erheblich ins Gewicht fällt, dass ohne Erwähnung der Krankheit ein falscher Eindrück bezüglich der erworbenen Berufserfahrung entstünde.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Daniel Kuster , Zürich
    Mein Fall wird Sie sicher Interessieren. Folgendes: Seit 01.03.2015 bin ich von der SBB Entlassen worden mit der Begründung " Arbeitsverhältnis wurde aufgelöst wegen Mangelnder Gesundheitlicher Tauglichkeit " Für positive Rückmeldungen freue ich mich.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten