Zum Inhalt springen

Arbeitsrecht Muss ich die Minusstunden aufarbeiten?

Der neue Chef stellt die Arbeitspläne auf den Kopf. Die Folge: Eine Mitarbeiterin soll künftig einen Teil ihres Pensums quasi auf Abruf arbeiten. So entstehen ihr aber Minusstunden. «Espresso» sagt, in welchem Fall die Frau die Minusstunden nicht abarbeiten muss.

Legende: Audio «Rechtsfrage: Muss ich die Minusstunden aufarbeiten?» abspielen. Laufzeit 3:45 Minuten.
3:45 min, aus Espresso vom 19.03.2015.

Seit bald acht Jahren arbeitet eine «Espresso»-Hörerin aus dem Kanton Bern für ihren derzeitigen Arbeitgeber. Mit einem 40-Prozent-Pensum, jeweils am Montag und am Dienstag. Jetzt wird der Betrieb umstrukturiert. Angeblich gibt es zu viele Stellenprozente, liess der neue Geschäftsleiter verkünden. Deshalb würden die Pensen und Arbeitszeiten einzelner Angestellter angepasst.

Unregelmässig arbeiten – quasi auf Abruf

Betroffen ist auch die «Espresso»-Hörerin. Sie soll künftig nur noch 10 Stunden pro Woche fix arbeiten dürfen. «Nach dem vorliegenden Arbeitsplan werden sich bei mir durch die neue Arbeitszeit bis nach den Sommerferien etwa 100 Minusstunden ansammeln», schreibt die Frau. Diese Minusstunden müsse sie nach dem Willen der Geschäftsleitung und «nach Bedarf» bei Ferien und im Winterhalbjahr abarbeiten. Dafür bekommt sie weiterhin den gleich hohen Lohn.

«Muss ich akzeptieren, künftig quasi auf Abruf zur Verfügung stehen zu müssen?», möchte die Verkaufsberaterin «von Espresso» wissen. «Und wenn nein, wie kann ich mich wehren?»

Eine Änderungskündigung birgt Risiken

Ein Arbeitgeber kann die Arbeitsbedingungen verändern. Allerdings nur dann, wenn ein Angestellter damit einverstanden ist. Ist das – wie bei der «Espresso»-Hörerin aus dem Kanton Bern – nicht der Fall, so muss der Arbeitgeber den Vertrag unter Einhaltung der vertraglichen Frist künden und dem Angestellten einen neuen, schlechteren Vertrag vorlegen.

Das will die betroffene «Espresso»-Hörerin nicht provozieren. Sie fürchtet, dass der Arbeitgeber bei dieser Gelegenheit noch weitere Bedingungen verschlechtern könnte, den Lohn zum Beispiel. Vielmehr überlegt sich die Frau, ihre Stelle zu kündigen. Gut zu wissen: In diesem Fall müsste sie die Minusstunden bis zum Austritt aus der Firma nicht nacharbeiten. Vorausgesetzt allerdings, dass sie einer Vertragsänderung nicht zugestimmt hat. Ausdrücklich, also schriftlich oder stillschweigend.

Nicht reklamieren bedeutet: Ich bin einverstanden

Stillschweigend bedeutet: Werden Vertragsveränderungen mindestens drei Monate lang unwidersprochen akzeptiert, so können sie laut Gerichtspraxis zum Vertragsinhalt werden. Wer also drei Monate lang nicht reklamiert, weil er weniger Lohn bekommt als im Vertag vereinbart, riskiert, dass er künftig nur noch Anspruch auf diesen tieferen Lohn hat.

Im Beispiel der «Espresso»-Hörerin bedeutet das: Sie muss dem Arbeitgeber schriftlich mitteilen, dass sie mit den geplanten Veränderungen nicht einverstanden ist. Nur dann muss sie im Falle einer Kündigung die Minusstunden nicht abarbeiten.

Solche Gedankenspiele machen die Frau nicht glücklich. «Es ist wirklich schade», erzählt sie «Espresso». «Denn ich liebe meinen Job, die Firma und die Produkte, die wir verkaufen». Schade also auch für den Betrieb. Der verliert eine hervorragende, top motivierte Mitarbeiterin.

Alle Rechtsfragen

Alle Rechtsfragen

Die Rechtsexpertin Gabriela Baumgartner beantwortet jeden Donnerstag in «Espresso» eine Rechtsfrage. Hier geht es zu den bisherigen Antworten.
Falls auch Sie eine Frage haben, schreiben Sie uns.

2 Kommentare

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Charles Dupond, Vivis
    Von "Treu und Glauben" raesoniert das Bundesgericht im Urteil. Verlangt wird das leider nur noch von Konsumenten oder Lohnsklaven. Aber schon lange nicht mehr von deren Abzockern. Wird eine Vertragsaenderung schriftlich zur Unterschrift vorgelegt, sollte sie nur gueltig sein, wenn der Geschaedigte sie unterschreibt. Zumindest dann, wenn der zu aendernde Vertrag auch schriftlich abgeschlossen wurde. Ansonsten sollten alle noch nicht verjaehrten Forderungen geschuetzt statt rechtsbeugend abgeschme
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Arbeiter, LU
    wie verhält es sich bei minusstunden welche sich durch zu wenig arbeit kurzfristig angemeldet anhäufen? diese müssen vom geschäft übernommen werden?? oder anders gefragt was muss man machen um ende jahr nicht dumm dazustehen? bzw wie ist es bei anlässen wie weihnachtsessen ect, wo man frei nehmen muss (Ferientage) damit man teilnehmen kann (schichtarbeit)?? Diese dürfte man doch nicht den ferien abziehen, hat doch die andere schicht kein Problem weil sie für den abend nicht frei nehmen muss....
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten