Fehlalarme von Notfall-Sirenen nahmen massiv zu

2015 gab es bisher schon doppelt so viele Fehlalarme wie im ganzen letzten Jahr. Das sagt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz gegenüber «Espresso». Vor allem in der Ostschweiz heulten viele Sirenen, teils mitten in der Nacht. «Espresso Aha!» geht der Frage nach: Was passiert bei einem Fehlalarm?

Die Verantwortlichen beim Bund sind alarmiert. In diesem Jahr heulen die Notfall-Sirenen ungewöhnlich häufig auf – ohne Notfall. Das sagt das zuständige Bundeamt für Bevölkerungsschutz Babs.

Eine detaillierte Statistik gebe es nicht, sagt Pascal Aebischer, Sprecher des Babs. Er schätzt aber: «Wir haben bisher in einem halben Jahr doppelt so viele Fehlalarme wie im ganzen letzten Jahr.» Diese Häufung habe unterschiedliche Ursachen.

Sirenen mit Kinderkrankheiten

Ein Grund ist aber der gesamtschweizerische Umbau aller 5000 Alarm-Sirenen auf ein neues System. Künftig sollen die Kantonspolizeien alle Sirenen gezielt und ferngesteuert per Knopfdruck auslösen. Deshalb werden viele alte Sirenen, die sich nicht in dieses System integrieren lassen, ausgemustert.

Während dem Einbau der neuen elektronischen Sirenen könne es zu Fehlalarmen kommen, sagt Pascal Aebischer. Das ist aber noch nicht alles: «Wir haben einen Sirenentyp, der technische Probleme verursacht.» Die Sirenen des schwedischen Herstellers Kockum Sonics lösen sich immer wieder von selbst aus. Mehrfach war dies in den letzten Monaten in der Ostschweiz der Fall.

Drähte bei Polizei liefen heiss

Vor einer Woche zum Beispiel lärmte eine Sirene in Untereggen im Kanton St. Gallen. Das Geheul schreckte die Anwohner um 22.22 Uhr auf. Kurz darauf herrschte auch in der Notfallzentrale der Kantonspolizei St. Gallen Alarmstimmung.

«Die Disponenten in der Notrufzentrale stellten den Alarm fest, gleichzeitig riefen besorgte Bürger an. Wir hatten innert kurzer Zeit über 200 Anrufe, die wir bearbeiten mussten», beschreibt Polizei-Sprecher Hanspeter Krüsi die Situation.

In einem Ernstfall löst die Polizei selbst den Alarm aus. In diesem Fall war das nicht so. Trotzdem gibt die Polizei keine Entwarnung, bis die Ursache des Fehlalarms geklärt ist: «Wir schicken sofort eine Patrouille vor Ort, um festzustellen, warum die Sirene heult», so Hanspeter Krüsi.

Wenn der Beamte vor Ort bestätigt, dass es sich um einen Fehlalarm handelt, gibt auch die Polizei Entwarnung. Sie informiert die SRG. In diesem Fall unterbrach SRF-Moderator Ralph Wicki die Sendung «Nachtclub» und verlas die Meldung der Polizei 16 Minuten nach dem Fehlalarm in Untereggen.

Verschiedene Ursachen

Warum die schwedischen Sirenen fälschlicherweise heulen, ist noch nicht restlos geklärt. Experten vermuten ein Problem in der Steuerung der Sirene. Bis auf Weiteres werden keine Sirenen dieses Typs mehr eingebaut.

Fehlgesteuerte Geräte sind nur eine Ursache für Fehlalarme. Vor zwei Wochen in Safenwil AG beispielsweise schlug der Blitz ein und liess eine Sirene aufheulen. In Bottmingen BL wiederum zerschnitten Bauarbeiter aus Versehen ein Kabel und lösten einen Alarm aus. Auch Kondenswasser in Steuerungskästen oder Kabelbisse von Nagetieren können zu Fehlalarmen führen.

Eine Sirene für Katastrophenalarm thront über einem Wohngebiet.

Bildlegende: Das Sorgenkind unter den Sirenen: Die Kockum Sonics sorgte für diverse Fehlalarme. Admin.ch

Bis ein Fehlalarm behoben ist und die Sirene nicht mehr jault, kann es dauern. Denn: Die modernen Sirenen lassen sich zwar ferngesteuert auslösen, ausschalten muss sie aber ein Sirenen-Verantwortlicher von Hand.

Für jede Sirene gibt es einen Sirenen-Verantwortlichen, der bei einem Fehlalarm aufgeboten wird, sagt Hans Dürr vom Amt für Militär und Zivilschutz St.Gallen. «Der Sirenen-Verantwortliche muss sich Zugang zum Steuerungskasten verschaffen», so Dürr.

Weil diese Kästen häufig in Kellern oder Estrichen stehen, etwa in Schulhäusern, sind vielerorts Abwarte verantwortlich dafür. Sie machen kurzen Prozess: «Sie müssen den Kasten öffnen und zwei Kabel ausstecken. Erst dann funktioniert die Sirene nicht mehr und es ist still.»

Solange die genaue Ursache für den Fehlalarm unklar ist, wird die Sirene nicht wieder ans Netz gehängt. Sie wird im Ernstfall vor Ort von Hand ausgelöst.

Wichtig: Sich immer gleich verhalten

Für das Bundesamt für Bevölkerungsschutz sind Fehlalarme ein grundsätzliches Problem: «Es besteht die Gefahr, dass die Bevölkerung einen Alarm im Notfall nicht mehr Ernst nimmt». Darum rät er, sich bei allen Alarmen immer gleich zu verhalten:

  • Radio hören
  • Den Anweisungen der Behörden Folge leisten
  • Anwohner alarmieren
  • Wenn nichts gesendet wird: Die Polizei alarmieren

«Espresso Aha!»

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