Sortenvielfalt: Leben wir in einer «Apfel-Wüste»?

Bald sind bei den Äpfeln die ersten Frühsorten reif. Doch ins Regal der Grossverteiler schaffen es ausgefallenere Sorten kaum. Leben wir bezüglich Vielfalt tatsächlich in einer «Apfel-Wüste» wie Biobauern, Konsumenten und Artenschutzorganisationen monieren? «Espresso» hat nachgefragt.

Der Vorwurf von Bio-Apfelbauer Helmut Müller aus dem Kanton Thurgau im SRF-Konsumentenmagazin «Espresso» ist harsch: In der Schweiz würden hauptsächlich die immergleichen wenigen Apfelsorten angebaut: «Der Handel diktiert, welche Sorten, er diktiert den Preis und schreibt auch vor, wann diese abgeliefert werden müssen.» Dank Tiefkühlung verkaufe man dann das ganze Jahr die gleichen fünf, sechs Sorten. Müller hingegen pflanzt rund 400 verschiedene Sorten an: Dank der Diversität hätten Schädlinge keine Chance und brauche er auch keine Chemikalien.

Kritik auch von «Pro Specie Rara»

Gertrud Burger von der Organisation «Pro Specia Rara», die sich für seltene Pflanzen einsetzt, ist ähnlicher Meinung. Auch für sie ist die Schweiz eine ziemliche «Apfel-Wüste»: «Ich persönlich finde, es gibt zu wenig Auswahl im Vergleich zur Vielfalt und zum Potenzial, das vorhanden ist.» Auf einer Skala von 1 bis 10 sieht sie die Apfelauswahl bei den Schweizer Grossverteilern bloss bei einer mageren 3.

Dass dies so ist, zeige auch der Blick in die Zahlen: «In der Flächenanbaustatistik sieht man, dass drei, vier Sorten total obenaus schwingen. Alles andere fällt ziemlich stark ab.» Das gleiche Bild treffe man dann natürlich auch in den Läden, so Burger.

Migros und Coop brüsten sich mit Vielfalt

Die beiden grössten Detailhändler Migros und Coop wehren sich gegen den Vorwurf. Man habe übers Jahr hinweg über 40 verschiedene Apfelsorten im Angebot, sagen beide. Ausgefallenere Sorten gäbe es natürlich nur in grösseren Läden, erklärt Coop-Sprecher Ramon Gander. Migros-Sprecherin Monika Weibel sagt, das Angebot variiere je nach Jahreszeit und Region: «Während der Apfelsaison seien sicher immer acht bis zehn Hauptsorten im Sortiment, und diese werden mit regionalen Spezialitäten ergänzt.»

Trotzdem muss Coop einräumen: Die fünf gängisten Sorten, also Gala, Golden Delicious, Braeburn, Jazz, und Pink Lady machen den Hauptanteil der verkauften Äpfel aus, rund 70 Prozent.

Stichprobe zeigt: Das Standardsortiment dominiert

Tatsächlich ist in den Läden von der beschworenen Sortenvielfalt nicht viel zu spüren, wie eine kleine, nicht repräsentative Stichprobe in grösseren Migros- und Coopfilialen im Raum Zürich zeigt. Bei Migros findet man bei den normalen Äpfeln bloss das übliche Standardsortiment. Die ausgefalleren Sorten findet man nur bei den Bio-Äpfeln. Ein ähnliches Bild bietet sich bei Coop.

Seltene Sorten: «Optisch nicht so schön»

Andreas Näf vom Forschungsinstitut Agroscope, das selber laufend an neuen Apfelsorten forscht, wundert es nicht. Dass in den Läden häufig die gleichen Sorten verkauft würden, habe mehrere Gründe, sagt er gegenüber «Espresso»: Alte Sorten, beispielsweise, seien häufig nicht so lagerfähig und optisch nicht so schön.

Den Hauptgrund für die Sortenarmut sieht er aber woanders: Nämlich, dass die Grossverteiler das Risiko an die Apfelbauern auslagern. Weil ein Bauer nicht wisse, ob die Detailhändler speziellere Sorten ins Sortiment nehmen oder nicht, wollen die wenigsten ein Risiko eingehen und entschieden sich für die Standardsorten.

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