Vogelfutter: Viele miese Mischungen

«Kassensturz» hat 10 Vogelfutter-Mischungen aus dem Fach- und Detailhandel untersuchen lassen. Viele Mischungen sind unbrauchbar, in zwei Produkten hat es sogar Samen der allergieauslösenden Ambrosia-Pflanze.

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Vogelfutter-Test: Gefährliche Ambrosia-Samen entdeckt

10 min, aus Kassensturz vom 22.1.2013

Im Winter ist das Futter für viele Tiere knapp, zeitweise liegt es sogar unter einer Schneedecke. In den kalten Jahreszeiten fressen Vögel gerne zusätzlich Vogelfutter. Frühere Kontroversen, die Fütterung mache aus Vögeln gewissermassen unselbständige, faule «Couch Potatoes», sind heute nicht mehr aktuell. Das bestätigt die Vogelwarte Sempach.

Aber nicht jeder Mix ist für jede Vogelart geeignet. Auf die passende Mischung kommt es an. Können sich Vogelfreunde darauf verlassen, dass sie im Laden Vogelfutter erhalten, das für die Vögel brauchbar ist?

«Kassensturz» hat 11 Streufutter aus Grossverteilern und Fachgeschäften getestet. Die zwei Kriterien: Zusammensetzung und Deklaration (siehe ganz unten «So wurde getestet»).

Ambrosia-Samen in zwei Futterproben

Ganz durchgefallen sind der «M-Classic Freilandmix» von Migros und «Vitakraft für Gartenvögel» aus dem Fachhandel. Beide enthalten ein Mehrfaches der gesetzlich erlaubten Menge für Ambrosiasamen. Die schaden den Vögeln zwar nicht, aber der Umwelt und der Bevölkerung (siehe Kasten «Gefährliche Ambrosia-Samen …»).

Die Migros räumt ein, dass bei der betreffenden Lieferung eine Kontrolle nicht gemacht wurde. «Wir waren völlig überrascht», kommentiert Migros-Sprecher Urs Peter Naef das Ergebnis im «Kassensturz». «Normalerweise ist dieser Lieferant führend beim Schutz vor Ambrosia-Samen.» Die Migros will ihr Kontrollsystem beim Vogelfutter nun verbessern.

Der CEO von Qualipet, wo «Kassensturz» das Futter gekauft hat, tut den hohen Ambrosia-Anteil hingegen als «Zufallsergebnis» ab. Vitakraft, die das Futter importiert und vertreibt, betont, dass «jede Mischungscharge durch unsere Qualitätssicherung sowie ein zertifiziertes externes Labor überprüft» werde. «Sollte der Schweizer Grenzwert von 0,005 % überschritten sein, gelangt diese Charge nicht zur Auslieferung», so der Geschäftsleiter Hans-Ulrich Grimm. Eine Erklärung für die massive Überschreitung in der «Kassensturz»-Probe geben die beiden Firmenvertreter aber nicht.

Getreidekörner für viele Vögel ungeeignet

Doch nicht nur diese beiden Futtermischungen geben zur Kritik Anlass: In vielen Mischungen hat es einen grossen Anteil an Getreidekörnern. Das ist ein billiger Rohstoff für die Hersteller, für viele Vögel aber ungeeignet. Bis über zwei Drittel (71% in «Winterspass für freilebende Vögel», 61% in «Vita-Balance Freiland B») fand Kassensturz davon im Vogelfutter.

Die grossen, harten Samen können nur Vögel mit einem sehr kräftigen Schnabel knacken, zum Beispiel Spatzen. Auch Tauben profitieren von Getreidekörnern, dank ihrem starken Magen. Alle anderen Vögel mit einem feinen Schnabel wie Distel- und Buchfink sind nicht in der Lage, Getreidekörner zu knacken – und auch zu verdauen.

Mischungen mit einem hohen Getreideanteil haben also einen Nachteil: eine ganze Palette an Vögeln, die man gerne zum Beobachten an der Futterstelle hätte, bleibt fern. Wenn schon Getreide, müsste es gequetscht sein. Es sieht dann ähnlich aus wie Haferflocken. Nur im «Qualité & Prix Vogelfutter gemischt» fand Kassensturz so gequetschtes Getreide, das auch Vögel mit feinen Schnäbeln fressen können.

Oft unklar, welche Vögel das Futter fressen sollen

Eine Angabe der Zielgruppe – also der Vögel, die das Futter fressen sollen – fehlt auf drei Packungen vollständig. Nur auf vier Packungen ist sie in Ordnung. Auf dem «Melior Standard-Mix» von Volg sogar «sehr gut» («geeignet für Vögel mit dickem, kurzem Schnabel»). Auf den «Winterspass»-Säcken «Einzelfuttermittel für Wildvögel» und «Streufutter für freilebende Vögel» von Hornbach ist sogar ein reiner Fantasievogel abgebildet. Die ist keine hilfreiche Information für die Konsumenten.

Auf den meisten Vogelfutter-Packungen fand «Kassensturz» keine oder nur ungenügende Hinweise, was beim Füttern der Vögel zu beachten ist. Coop konnte als einziger Anbieter mit den Empfehlungen auf beiden Packungen im Test punkten, inklusive Hinweisen zur Hygiene.

Die Hygiene ist ein wichtiger Aspekt und war früher ein Hauptargument der Gegner der Vogelfütterung. Denn durch Verunreinigungen wie Vogelkot an der Futterstelle können sich Vögel mit Krankheiten anstecken. Da solche Probleme mit der Hygiene eher selten vorkommen und sich beheben lassen, ist sich die Fachwelt heute einig: Ein Zufüttern der Vögel ist nicht schädlich. Und es ermöglicht dem Fütterer, mit dem richtigen Futter, eine Vielfalt an Vogelarten zu Gast zu haben und zu beobachten.

Vogelhäuschen können modern sein

So wurde getestet: Zusammensetzung und Information

«Kassensturz» hat 11 Vogelfutter von Experten auf Zusammensetzung und die Deklaration auf den Verpackungen untersuchen lassen.

  • Im Institut für systematische Botanik der Universität Zürich wurden von jedem Vogelfutter im Test 100 Gramm extrahiert und dann nach Zutaten sortiert und gewogen.
  • Die jeweils so festgestellte Zusammensetzung haben Mitarbeiter der Schweizerischen Vogelwarte Sempach mit Schulnoten von 1 bis 6 beurteilt, je nach Eignung für Vögel in der Schweiz.
  • Je grösser der Anteil Getreidekörner (nur für Tauben und Spatzen geeignet), desto grösser der Notenabzug.
  • Eine Überschreitung des «Höchstwerts für Ambrosiasamen in Futtermittel» von 50 mg/kg (amtliche Futtermittelkontrolle) gab weitere Abzüge.
  • Deklaration: Mitarbeiter der Schweizerischen Vogelwarte Sempach überprüften, ob das Futter für die auf der Verpackung genannten Vogelarten geeignet ist. Ausserdem haben sie die Hinweise auf der Packung zum Gebrauch mit den Empfehlungen der Vogelwarte verglichen und bewertet. Siehe dazu Merkblatt zum Futter.

Ambrosia-Samen im Vogelfutter

Die Ambrosia-Samen sind nicht für die Tiere, aber für die Menschen gefährlich. Das Unkraut wächst im Garten, breitet sich schnell aus und produziert hochallergene Pollen. Zum «Espresso»-Artikel