Angestellte am Anschlag: Büezer klagen über unerträglichen Stress

Zu hohes Arbeitstempo, ständige Erreichbarkeit, keine richtigen Pausen. Angestellte aus verschiedensten Branchen schildern ihre schlimmen Erfahrungen: Sie können nicht mehr und schlagen Alarm. «Kassensturz» klärt auf: Wann ist Stress ungesund und welche Rechte haben Angestellte?

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Angestellte am Anschlag: Büezer klagen über unerträglichen Stress

14 min, aus Kassensturz vom 29.3.2016

Das höhere Tempo setzt Mitarbeitende unter Druck. Vor zwei Wochen hat «Kassensturz» über die Arbeitsbedingungen im Fleisch-Verabeitungsbetrieb Micarna der Migros in Bazenheid berichtet. Mehrere Mitarbeiter kritisierten, die Fliessband-Geschwindigkeit in der Zerlegerei sei viel zu hoch.

Darauf hat «Kassensturz» zahlreiche Mails und Zuschriften bekommen. Arbeitnehmende aus allen Branchen schildern, wie sie Stress an ihrem Arbeitsplatz erleben:

  • Mitarbeiter der Post schreiben, dass die Zeiten der Zustelltouren verglichen werden. Jene, die nicht mit den Schnellsten mithalten können, würden keine Pausen machen. «Sie trinken am Morgen nichts, damit sie nicht noch auf die Toilette müssen», schreibt ein Postmitarbeiter.
  • Angestellten aus der Finanzbranche setzt die Unsicherheit zu, jederzeit durch billigere Mitarbeiter im Ausland ersetzt zu werden. Ein Bankangestellter schreibt «Kassensturz»: «Man weiss nie, wann man selber auf die Abschussliste kommt.»
  • Auch Callcenter-Mitarbeiter kritisieren den zunehmenden Druck. Immer häufiger müssten sie Mails beantworten und gleichzeitig Anrufe übernehmen. «Wer zu lange braucht, wird ermahnt. Man wird ständig überwacht», schreibt ein «Kassensturz»-Zuschauer.
  • Mitarbeitern aus dem Gesundheitswesen machen 12-stündige Schichten zu schaffen. Trotz der langen Arbeitszeit gäbe es zu viel Arbeit. Zur Patientenverpflegung komme noch vieles dazu. Und täglich würden Kontrollen durchgeführt. «Ich bin so im Stress, dass es nicht möglich ist, dass ich die Handdesinfektion korrekt durchführen kanni», schreibt eine Pflegerin.
  • Mitarbeiter der Micarna kritisieren, dass wenn man zu lange krank war, unter Druck kommt: Man müsse unterschreiben, dass man nicht mehr so viel fehlt. Mehrere Micarna-Arbeiter erklären: «Man geht krank zur Arbeit, da man sich nicht getraut, zu Hause zu bleiben wegen der Kündigung.»

Die Post schreibt: Bei der Briefzustellung werde die Entwicklung der Zustellzeiten nur je Team ausgewiesen und nicht pro Tour. Mitarbeitervergleiche seien für den gleichen Botengang somit nicht möglich, denn dazu seien die täglichen Unterschiede im Briefvolumen auch zu gross. Und: «Es ist Aufgabe des vorgesetzten Teamleaders im Gespräch mit dem betroffenen Mitarbeitenden allfällige Leistungsunterschiede zu erkennen und diese zu besprechen.»

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Migros-Arbeiter klagen an: Druck im Fleischbetrieb macht krank

15 min, aus Kassensturz vom 15.3.2016

Micarna schreibt «Kassensturz», solche Rückkehrgespräche fänden bei längerer Abwesenheit immer statt. Und: «Es geht nicht darum, dass der Mitarbeitende mittels Unterschrift bestätigt «nicht mehr so viel zu fehlen», sondern darum, dass man eine interne Lösung findet, sollte die betroffene Person seiner gewohnten Tätigkeit nicht mehr nachgehen können.»

Einer der Zuschauer, die sich bei «Kassensturz» gemeldet haben, ist Erich S. Er hat während der letzten zehn Jahre im Lager der Landi Schweiz gearbeitet. «Ganz sicher ist es strenger geworden. Ganz eindeutig. Der Druck wurde grösser, man muss in kürzerer Zeit mehr leisten», schildert er "Kassensturz".

Landi kündigt unbequemem Mitarbeiter

Er hiefte täglich während 8.5 Stunden mehrere Tonnen Ware auf Paletten. Kurz vor Weihnachten hat ihm Landi Schweiz ohne Vorankündigung gekündet. Aus Loyalitätsgründen.

Erich S. vermutet jedoch andere Gründe: Als Mitglied der Personalkommission hat er ein neu eingeführtes Leistungssystem kritisiert. Landi Schweiz rechnet damit aus, wie viel Produkte alle Lager-Mitarbeiter verladen. Der Durchschnitt wird mit der Leistung jedes einzelnen Mitarbeiters verglichen. Monatlich teilt Landi dem Mitarbeiter mit, ob er den Leistungsdurchschnitt erreicht hat oder nicht. Erich S. findet das unfair.

Im Institut für Arbeitsmedizin in Baden berät der Allgemeinmediziner Dieter Kissling Firmen im Bereich Gesundheitsförderung. Er bestätigt, dass Stress am Arbeitsplatz hat zugenommen hat: «An den Arbeitsstellen herrscht höherer Arbeitsdruck, höherer Zeitdruck und höhere Komplexität. Die Arbeiter haben weniger Handlungsspielraum. Das alles führt zu Stress.»

Das schreibt Landi

Zum Fall vom Erich S. schreibt die Fenaco, das Mutterunternehmen von Landi Schweiz, sie würden sich seit der Kündigung darum kümmern ihn innerhalb der Unternehmensgruppe weiterbeschäftigen zu können. Dieser Prozess brauche aber etwas Zeit und Geduld.

Zur Leistungsauswertung schreibt Landi Schweiz: «Die erwähnte Leistungsauswertung wurde in Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmenden entwickelt.» Und: «Individuelle Faktoren wie beispielsweise das Alter eines Mitarbeitenden fliessen in die Beurteilung ein.»

Im «Kassensturz»-Studio erklärt Rechtsprofessor Kurt Pärli, was für Rechte Arbeitnehmer haben und wo auch Firmen in der Pflicht stehen (siehe Video).

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Studiogespräch mit Kurt Pärli

5:58 min, aus Kassensturz vom 29.3.2016

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