Der Sechsstunden-Tag: In der Schweiz kaum vorstellbar

Wer nur sechs statt acht Stunden pro Tag arbeite, vermöge in dieser Zeit dafür mehr zu leisten – so hiess es kürzlich in einer Studie der OECD. Während in Skandinavien munter mit diesem Arbeitsmodell experimentiert wird, ist man in der Schweiz weit davon entfernt.

Die Chefin eines Werbebüros in Nordschweden erlangte vor kurzem internationale Berühmtheit: Wer nur sechs statt acht Stunden arbeite, sei effizienter und habe mehr Ideen, so die Werberin. Tatsächlich werde das Sechsstunden-Arbeitsmodell in Skandinavien häufig ausprobiert, sagt SRF-Nordeuropa-Korrespondent Bruno Kaufmann.

Von linker Seite werde oft propagiert, man könne mit dem Sechsstundentag mehr Arbeitsplätze schaffen. Deshalb dürfen in Göteborgs Spitäler die Krankenpfleger seit einigen Monaten sechs Stunden arbeiten – bei vollem Lohn.

Trotzdem sagt Nordeuropa-Korrespondent Kaufmann: «Von einem Durchbruch des Sechsstundentags ist man auch in Skandinavien weit entfernt. Ausserhalb der grossen Städte fehlt es in Schulen und Spitälern an genügend ausgebildeten Arbeitskräften. Dort müssen viele Angestellte wieder Überstunden machen.»

Die Schweiz ist ein Achtstunden-Land

Während man in Skandinavien eifrig verschiedene Arbeitszeitmodelle ausprobiert, ist man hierzulande meilenweit von einem Sechsstundentag entfernt. Selbst die Gewerkschaften wissen das und sind nur schon froh, wenn die derzeit gültigen Arbeitszeiten nicht zusätzlich verlängert werden.

Christine Michel von der Gewerkschaft Unia findet die Idee interessant. Denn auch sie ist überzeugt: «Menschen, die sechs statt acht Stunden arbeiten, sind gesünder und leistungsfähiger. Sie nützen dem Arbeitgeber deshalb mehr.» Ausserdem wäre dieses Modell laut Michel ein geeignetes Instrument, um eine alte Forderung endlich ein Stück weiter zu bringen. «Die Arbeit könnte besser umverteilt werden.» Männer würden weniger arbeiten, dafür würde das brachliegende Potential der Frauen besser ausgeschöpft.

Für Fredy Greuter, Mediensprecher des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, ist das keine Option: «Es gibt den Fachkräftemangel und es gibt eine grosse Skepsis gegenüber der Zuwanderung. Das notwendige Personal liesse sich deshalb gar nicht rekrutieren in der Schweiz.»