Gierige Pensionskassen: Versicherte zahlen zu hohe Prämien

Versicherer sacken viel mehr Risikoprämien ein, als sie für Invaliditäts- und Todesfälle tatsächlich benötigen. Stossend: Zehn Prozent aller Einnahmen dürfen die Versicherer für sich behalten. «Kassensturz» über die Milliardenprofite auf Kosten von Arbeitnehmern und KMU.

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Gierige Pensionskassen: Versicherte zahlen zu hohe Prämien

12 min, aus Kassensturz vom 25.11.2014

Vom hart erarbeiteten Geld der Arbeitnehmer zwacken die Pensionskassen jeden Monat einen Teil ab. Was Viele nicht wissen: Vom obligatorisch einbezahlten Pensionskassen-Beitrag geht längst nicht alles in die Altersvorsorge. Ein beträchtlicher Teil kassieren die Versicherungen als «Risikoprämie» für Invalidität oder Tod.

Diese Risikoprämien sind viel zu hoch, kritisiert Matthias Kuert vom Gewerkschaftsverband Travail Suisse: «Wir stellen fest, dass die Lebensversicherer seit Jahren überhöhte Prämien für den Invaliditäts- oder Todesfall kassieren. Sie machen mit dem massive Gewinne. Und die berufliche Vorsorge ist eine Sozialversicherung und im Prinzip nicht dazu da, Gewinne zu machen.»

25,7 Milliarden an Risikoprämien eingenommen

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Grafik: Überschuss Risikoprämie

0:30 min, aus Kassensturz vom 25.11.2014

Zahlen der Finanzmarktaufsicht zeigen: In den letzten acht Jahren haben die Lebensversicherer 25,7 Milliarden Franken an Risikoprämien eingenommen. Sie haben jedoch nur 13,3 Milliarden Franken für Todesfall- und Invaliditäts-Leistungen ausbezahlt.

Zurück bleibt ein Überschuss von 12,4 Milliarden. Das heisst: die Versicherer nehmen fast doppelt so viel ein wie sie ausgeben.

Der Direktor des Schweizerischen Versicherungs Verbandes, Lucius Dürr, sagt dazu: «Die Differenz wird für Rückstellungen benötigt. Zum Beispiel für Invaliditäts-Fälle, die nicht voraussehbar sind. Und zweitens für die Mitfinanzierung der künftigen Altersrenten. Der Umwandlungssatz zwischen Prämienzahler und Rentenbezüger stimmt nicht mehr. Wir müssen zusätzliche Quellen haben.»

Versicherungen kassieren mit Verwaltung

Um ihr Geschäft mit der beruflichen Vorsorge abzuwickeln, betreiben die Versicherer Sammel-Stiftungen. Ihre Gesamteinnahmen setzen sich so zusammen: Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen Risikoprämien für den Fall von Invalidität oder Tod.

Für ihre Umtriebe verrechnen die Versicherer einen satten Verwaltungsaufwand.
Dazu kommen Kapitalerträge, die sie aus den Pensionskassen-Beiträgen von Arbeitnehmer und Arbeitgeber erwirtschaften.

Versicherungen dürfen 10 Prozent behalten

Besonders stossend: Je höhere Risikoprämien und Umtriebs-Entschädigungen sie verlangen, desto grösser wird ihr Gewinn. Denn von ihren Gesamteinnahmen dürfen sie 10 Prozent einkassieren. Ganz legal. Das ist die sogenannte Mindestquote.

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Grafik Risikoprämie

0:53 min, aus Kassensturz vom 25.11.2014

In den letzten 8 Jahren haben die Versicherer auf diese Weise 4,3 Milliarden Franken Gewinn gemacht.

Für Gewerkschafter Matthias Kuert sind das die «Verlorenen Milliarden» der Arbeitnehmer. Er fordert, dass die Versicherungen künftig nur noch 5 Prozent – statt 10 Prozent – als Gewinn einstreichen dürfen.

«Heute haben wir eine Verordnung, die den Lebensversicherungsgesellschaften 10 Prozent der Erträge garantiert als Beteiligung. Das ist viel zu hoch, wie man heute sieht. Das sind pro Jahr 600-700 Mio Franken, die durch das abfliessen und nicht für die Altersversorgung zur Verfügung stehen», sagt Matthias Kuert.

Die Hälfte des Geldes ist weg

Claudio B.

Bildlegende: Stört sich am Risikoprämien-Abzug auf seinem Lohnausweis: Claudio B. SRF

So wies beispielsweise der Lohnausweis des «Kassensturz»-Zuschauers Claudio B., einen enorm hohen Abzug für die Pensionskasse auf. Als der Bauführer seinen Arbeitgeber darauf ansprach, hiess es, er sei sehr gut versichert.

Die Firma hatte ihre Pensionskassen-Gelder bei einer Sammelstiftung der Allianz. Claudio B. zahlte Pensionskassen-Beiträge für sein Altersguthaben sowie Risikoleistungen für den Fall von Invalidität oder Tod. Jeden Monat kostete das ihn und seinen Arbeitgeber je 758 Franken. Doch am Ende war die Hälfte des Geldes weg.

PK-Beitrag wird aufgeteilt

«In den neun Monaten, in denen ich für meinen Arbeitgeber arbeitete, zahlte ich 13'000 Franken ein. 6600 Franken strich die Allianz als Risikoteil ein. Das finde ich Wahnsinn», sagt Claudio B.

Der Bauführer dachte, mit seinem Geld würde er hauptsächlich fürs Alter sparen. Was er nicht wusste: Die Hälfte seiner Pensionskassen-Beiträge kassierte die Lebensversicherung. Als «Risikoprämie» für den Fall von Invalidität oder Tod.

Allianz-Suisse-Direktionsmitglied Hans-Peter Nehmer begründet die hohen Risikoprämien mit einer besonders guten Versicherungsdeckung: «Im Fall von Herrn B. ist es so, dass sein Arbeitgeber ihm einen hohen Lohn versichert hat. So wurde er überdurchschnittlich versichert. Das heisst, wenn Herr B. invalid geworden wäre, hätte er eine viermal höhere Leistung beziehen können als im BVG-Minimum. Der Tiefbau ist eine Branche mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit, erwerbsunfähig zu werden. Aus dem Grund ist das eine höhere Risikoprämie.»

Nur ein Drittel wurde ausbezahlt

Für Allianz Suisse sind Risikoprämien generell ein lukratives Geschäft.
Letztes Jahr nahm sie 126 Millionen Franken ein, zahlte an Leistungen aber nur 44 Millionen aus.

Hans-Peter Nehmer sagt dazu gegenüber «Kassensturz»:«90 Prozent von unseren Einnahmen fliessen wieder direkt zurück an unsere Kunden. Und im letzten Jahr hat die Allianz Suisse rund 40 Millionen an Überschüssen rückvergütet an unsere Kunden. Vor allem sind wir auch bekannt als die Versicherung mit der höchsten Verzinsung in der Altersvorsorge.»

Ein krasses Missverhältnis, findet der unabhängige Vorsorgeberater Rudolf Burkhardt. Er hat den Fall von Bauführer B. geprüft. «Die Risikoprämien sind meiner Ansicht nach eindeutig zu hoch. Wir haben die Prämien mit anderen Anbietern verglichen. Mit dem gleichen Vorsorgeplan, den gleichen Leistungen. Die anderen Anbieter haben eindeutig tiefere Prämien offeriert», sagt Burkhardt.

Rudolf Burkhardt

Bildlegende: Rudolf Burkhardt. SRF

Der Prämien-Vergleich mit einem anderen Anbieter zeigt: Identische Leistungen gäbe es 5600 Franken günstiger. Würden die 5600 Franken über 30 Jahre zu einem Zins von 2,1 Prozent angelegt, ergäbe sich ein zusätzliches Guthaben von 230'000 Franken. Das heisst: er hätte eine zusätzliche Altersrente von 5600 Franken pro Jahr.

Bei einer Pensionskassenlösung mit weniger hohen Risikoprämien hätte Claudio B. im Alter eine deutlich höhere Rente. Bauführer Claudio B. meint dazu: «Ich finde, das ist Wucher, was Allianz macht. Schliesslich fehlt das Geld dann im Alter.»

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