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Arbeit Verkäuferinnen in Not: Chef kürzt Arbeitspensum ohne Vorwarnung

Die 53 Verkäuferinnen des Stoff- und Deko-Fachgeschäftes Haas Shopping in Ottenbach bekamen kurzfristige Vertragsänderungen. Aus Angst vor einer Entlassung haben die allermeisten unterschrieben. Arbeitsrechts-Experte Roger Rudolph sagt, das hätten sie nicht hinnehmen müssen.

Legende: Video Verkäuferinnen in Not: Chef kürzt Arbeitspensum ohne Vorwarnung abspielen. Laufzeit 06:56 Minuten.
Aus Kassensturz vom 30.06.2015.

Die Nachricht kam ohne Vorwarnung: Die Geschäftsleitung des Shopping-Centers Haas trommelte alle Mitarbeiterinnen zusammen. Man müsse Sofortmassnahmen wegen einer Baustelle treffen. Schon am nächsten Morgen liess der Chef die Verkäuferinnen eine «temporäre Änderung ihres Arbeitsvertrags» unterschreiben. Die Arbeitspensen wurden auf einen Schlag halbiert.

Der Hintergrund des Ganzen: Die Kantonsstrasse quer durch die Reuss-Ebene ist wegen einer Totalsanierung gesperrt. Einen Kilometer von der Baustelle entfernt, am Eingang des Dörfchens Ottenbach, liegt das Shopping-Center Haas, einer der grössten Fachmärkte der Schweiz für Stoffe und Deko-Artikel. Das Geschäft ist von der Zürcher Seite her trotz Baustelle gut erreichbar, der Parkplatz voller Kundenautos.

Die Verkäuferinnen von Haas fühlen sich von der Geschäftsleitung über den Tisch gezogen. Offen will niemand darüber reden. «Kassensturz» spricht aber mit mehreren Verkäuferinnen. Die Kürzungen treffen sie hart. Die Angestellten berichten, sie müssten jetzt auf das wenige Ersparte zurückgreifen. Sie kritisieren aber vor allem auch die Art und Weise, wie diese Massnahme durchgezogen wurde: Sie hätten keine Zeit für rechtliche Erkundigungen gehabt und seien von der Geschäftsleitung unter Druck gesetzt worden.

Kurzfristige Vertragsabänderungen sind nicht zulässig

Haas Shopping ist einer von 14 Standorten der Firmengruppe Créasphère. Viele Verkäuferinnen bei Haas verdienen bei vollem Pensum weniger als 4000 Franken und im Stundenlohn manchmal weniger als 20 Franken. Die kurzfristigen Vertragsänderungen wegen der Baustelle sind für sie nicht verkraftbar.

Arbeitsrechts-Experte Roger Rudolph kritisiert, bei Haas wälze die Geschäftsleitung ein normales unternehmerisches Risiko auf die Angestellten ab. Er fügt an: «Die Arbeitnehmer müssen solch kurzfristige Vertragsänderungen nicht akzeptieren. Sie können verlangen, dass mindestens die Kündigungsfrist eingehalten wird, bevor die Reduktion in Kraft tritt.»

Kilian E. Brühlmeier, Créasphère-Geschäftsführer und Geschäftsleitungsmitglied von Haas Shopping, gibt dem Kanton Aargau die Schuld: Hätte dieser frühzeitig direkt das betroffene Gewerbe informiert und nicht nur die Gemeinden, wäre er nicht zu so harten Sofortmassnahmen gezwungen gewesen.

Den Vorwurf, aus Angst vor einer eventuellen Umsatzeinbusse präventiv drastische Massnahmen getroffen zu haben, antwortet er: «Aus der Erfahrung heraus mit drei Baustellen in den letzten zehn Jahren muss ich als Verantwortlicher der Firma Massnahmen ergreifen. Wir hatten auch keine Fristen. Es ist eine Massnahme, um mit dieser Firma diese Zeit überleben zu können.» Alle Erträge und die Investitionen fürs nächste Jahr seien gefährdet.

Die Haas-Geschäftsleitung fügt an, einige Verkäuferinnen würden ja mehr als das zugesicherte Minimum und einzelne sogar in einer andern Filiale arbeiten. Zudem gebe es ausgedehnte Aktionsverkäufe.

Rachekündigungen sind anfechtbar

Verkäuferinnen von Haas-Shopping berichten weiter: Der Druck, die neuen Verträge zu unterschreiben, sei gross gewesen. Eine langjährige Haas-Mitarbeiterin erzählt sogar am Telefon, sie habe die Kündigung bekommen, weil sie die Vertragsänderung nicht unterschreiben wollte. Haas-Shopping wollte ihr nur noch einen Monatslohn von rund 1500 Franken garantieren. Ihre Vorgesetzte habe sie gewarnt, sie müsse mit der Entlassung rechnen, wenn sie sich weigere. Im Kündigungsschreiben steht lediglich, die Gründe für die Entlassung seien ja schon mündlich mitgeteilt worden.

Arbeitsrechts-Experte Roger Rudolph hält dazu fest: «Wenn jemand eine Kündigung bekommt, quasi abgestraft wird, weil er eine Vertragsänderung nicht akzeptiert, die in wenigen Tagen in Kraft treten sollte und eine Verschlechterung mit sich bringt, dann ist das eine Rachekündigung. Sie ist missbräuchlich. Die betroffene Mitarbeiterin kann eine Entschädigung geltend machen, die bis zu sechs Monatslöhne ausmachen kann.»

Betreffend der Frau, der gekündigt wurde, weil sie die Vertragsänderung nicht unterschreiben wollte, sagt Kilian E. Brühlmeier von der Haas-Geschäftsleitung, es habe neben der Weigerung der Frau (die Vertragsänderung zu unterschreiben) noch andere Gründe gegeben für die Entlassung. «Kassensturz» hat aber mit mehreren Angestellten im Umfeld dieser Frau gesprochen. Mögliche andere Gründe sind niemandem bekannt.

Tipp:

Der Arbeitgeber kann eine Vertragsänderung nur erzwingen, wenn er die Kündigungsfrist einhält. Unterschreiben Sie deshalb keine Vertragsänderungen, dies gilt als Zustimmung. Besser: Verlangen Sie eine Bedenkzeit und lassen Sie sich auf einer auf Arbeitsrecht spezialisierten Beratungsstelle beraten.

30 Kommentare

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  • Kommentar von Annina Cortesi, Basel
    Ja. Mein Mann erhielt eine Rachekündigung, weil er sich erst über die rechtliche Situation erkundigen wollte. Es ging auch um eine sofortige Kürzung des Arbeitspensums. Ein Antrag für Kurzarbeit wollte der Arbeitgeber nicht machen, das sei ihm zu aufwändig. Aber keiner der anderen Mitarbeiter wollte aussagen (fürchteten alle um ihre Stelle), sodass wir die Rachekündigung nicht beweisen konnten. Mein Mann stand kurz vor seinem 60. Geburtstag, wurde vor mehr als 10 Jahren von der Firma angeworben.
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  • Kommentar von Beatrix Roth, 8105 Watt
    Auch ich wurde auf unerklärliche Weise in Creasphere ohne Grund gekündigt. In der Filiale Regensdorf. Vermutlich zu alt. Bin 60. Das Arbeitsklima ist auch in unserer Filiale unerträglich. Und das Hr. Isler (Big Boss) oder Frau Siegentaler nicht hinstehen kann ist typisch.
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    1. Antwort von Hans Haller, im Ausland
      Typisch was Sie beschreiben. Einerseits möchte man das Rentenalter erhöhen, doch andererseits gibt es immer weniger Firmen, die bereit sind ü50 anzustellen. - Das geht nicht auf und führt dazu, dass Aeltere eigentlich ausgegrenzt werden.
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  • Kommentar von tom.marfurt@gmx.ch, Dagmarsellen
    Pfui, Herr Brühlmeier soll dringend abdanken!!! Wenn er seinen Mitarbeiter schon erklärt dass er ein Umsatzdefizit von 2-3 Millionen befürchtet und als Gegensteuer eine Lohnreduktion von 50% bei seinen Mitarbeiter veranlasst, müsste man ihm einen kompetenten Buchhalter zu Seite stellen, welcher den Tropfen auf den heissen Stein darlegt. Die Lohnkürzung bis zur Wiedereröffnung der Kantonsstrasse beträgt bestens gerechnet ca. 200000.- also ca. 10%! Will er noch seine Zahnstellung damit sanieren?
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    1. Antwort von ehmalige Haas angestellte ( selber gekündigt), Muri
      Endlich kommt es an die Öffentlichkeit, wie die Creaspherè, Herr Brühlmeier, mit dem Personal umgeht. Das geht natürlich nur mit den Frauen, viele sind auf den Lohn angewiesen und das nutzt Herr Brühlmeier schamlos aus! Auch für das Raff ist er kein unbekannter. Herr Brühlmeier gehen Sie in den Ruhestand, lassen Sie Herrn Isler und Frau Furrer ohne Sie arbeiten. Hoffentlich hat Creaspehrè ein paar Franken übrig und schickt diese zwei in ein Personalführungsseminar nur so kann es besser werden!
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