«Garagen-Bräu»: Dem Hobbybrauer in die Töpfe geschaut

Immer mehr Bierliebhaber brauen ihr eigenes Bier. «Espresso» hat einen solchen Hobbybrauer besucht. Fazit: Bierbrauen braucht Zeit und Geld. Und reich werden Sie nicht dabei. Dafür sind Ihnen viele gesellige Stunden sicher – und ein stetig wachsender Freundeskreis.

Es ist halb neun Uhr am Morgen: Urs Flunser (65) schüttet Malz in eine kleine Mühle. 20 Kilogramm insgesamt. Daraus werden bis in etwa drei Wochen rund 70 Liter halbdunkles Bier. Der wichtigste Tag dieser drei Wochen ist natürlich der Brautag: Hier entscheidet sich zu einem grossen Teil, wie das fertige Bier schmecken wird. Welches Malz wird verwendet? Wie viel Hopfen zugegeben? Bei welchen Temperaturen wird gebraut? All das hat einen Einfluss auf den Geschmack des Biers, deshalb hält Urs Flunser alles in einem Brauprotokoll fest.

Der pensionierte Müllerei-Techniker braut seit etwas mehr als zehn Jahren sein eigenes Bier. Etwa 1‘200 Liter sind es pro Jahr, verteilt auf 20 Sorten. Gebraut wird in zwei Braupfannen in der Garage des beschaulichen Einfamilienhauses in Hagenbuch ZH. Sein Ziel sei es, den Leuten die Vielfalt des Biers aufzuzeigen, sagt Flunser. «Wenn der Schweizer in der Beiz ein Bier bestellt, dann in der Regel ein Lager. Die Vielfalt besteht höchstens darin, ob er ein Grosses oder eine Stange möchte.»

Gegen Langeweile im Bierglas

Die Zahlen des Brauerei-Verbands geben Urs Flunser recht: Mehr als 80 Prozent des getrunkenen Biers in der Schweiz ist Lagerbier. Zwar sei gegen ein Lagerbier im Sommer nichts einzuwenden, meint Hobbybrauer Flunser. «Dennoch wäre es schön, wenn zwischendurch auch mal anderes getrunken würde. Genau das wollen wir Hobbybrauer erreichen: einen weniger einseitigen, dafür reichhaltigeren, belebteren Biermarkt.»

Flunser steht nicht allein da. In der Schweiz gibt es knapp 400 registrierte Hobbybrauer und gemäss Zahlen der Swiss Homebrewing Society noch mehrere Hundert nicht registrierte, welche ihr Selbstgebrautes nicht verkaufen, sondern nur für den privaten Konsum herstellen. Und es werden immer mehr Hobbybrauer: 2002 zählte die Eidgenössische Zollverwaltung noch rund 100 registrierte Kleinbetriebe.

13 Stunden Arbeit für 70 Liter

Selber brauen klingt verlockend. Wer aber ernsthaft mit dem Gedanken spielt, der sollte wissen, dass Bierbrauen Zeit und Geld kostet. Urs Flunser hat nachgerechnet: 70 Liter Bier erfordern 13 Stunden Arbeit. Hinzu kommen finanzielle Aufwände: Braupfannen, Flaschen, Kühlmöglichkeiten und natürlich Malz, Hopfen, Hefe. Als registrierter Hobbybrauer darf Urs Flunser sein Bier verkaufen. Pro Flasche verlangt er 3.50 Franken. «Meine Unkosten sind damit gut gedeckt, aber reich werde ich nicht dabei.»

Warum also der ganze Aufwand? Flunser antwortet mit einer Gegenfrage: «Muss sich denn immer alles lohnen? Man kann auch mal etwas machen, das einfach Spass macht – das ist viel wichtiger.» Sein Lohn seien die vielen schönen Stunden zusammen mit Freunden. «An kaum einem Brautag bleibe ich lange alleine. Der Braugeschmack zieht die Leute an, man steht zusammen, trinkt ein Bierchen und fachsimpelt. Das wiegt den ganzen Aufwand auf.»

Der grosse Biertest

Der grosse Biertest

«Kassensturz» hat regionale Lagerbiere gegeneinander antreten lassen. Mehr über den Test und die detaillierten Resultate finden Sie hier.