LPs und Singles sind zurück, die Hersteller am Anschlag

Schallplatten sind wieder gefragt, und zwar nicht nur die guten alten vom Estrich und vom Flohmarkt. Die Nachfrage nach neuen LPs bringt die Plattenfabriken an die Kapazitätsgrenzen. Nicht zuletzt deshalb, weil es nicht mehr viele Presswerke gibt. Auch jenes in der Schweiz ist längst stillgelegt.

Die CD war zu mächtig: Mitte 1991 musste die Schweizer Plattenfirma Turicaphon im zürcherischen Riedikon ihr Schallplatten-Presswerk stilllegen. Genauso wie viele andere Plattenfabriken. Heute gibt es in Europa nur noch fünf Presswerke. Und sie stehen vor einer Herausforderung, die in den 90er-Jahren wohl niemand erwartet hätte: die Rückkehr des Vinyls.

Musik-Liebhaber und Musiker wollen wieder Schallplatten: Bei den 30 Musiklabels des Branchenverbands IFPI Schweiz hat sich der LP-Umsatz im vergangenen Jahr verdoppelt. Sie verkauften 90‘000 Platten. Der Vinyl-Absatz in der Schweiz dürfte laut IFPI aber noch viel höher sein, denn: «Nach unserer Einschätzung kaufen viele Schweizer Konsumenten Vinyl vorzugsweise per Postversand aus dem Ausland.»

Presswerk am Limit

Zu den wenigen Plattenfabriken, die den Siegeszug der CD überlebt haben, gehört das Pallas Werk südlich von Bremen. Firmenchef Holger Neumann schätzt, dass dort dieses Jahr weit über fünf Millionen LPs gepresst werden – gut 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Nachfrage bringe das Werk mit seinen Geräten aus den 1970er-Jahren wohl bald ans Limit, befürchtet Neumann: «Die Lieferzeiten sind schon massiv lang geworden – nicht nur bei uns, auch bei Mitbewerbern.»

Die gestiegene Nachfrage nach Vinyl spürt auch die Schweizer Firma Turicaphon: Obwohl sie ihr eigenes Presswerk bereits vor 24 Jahren aufgeben musste, ist sie immer noch mit LP-Produktionen aktiv.

Sie berät Musiker und Werbekunden, nimmt Aufträge entgegen und lässt in Deutschland pressen. So bestellen Musiker zum Beispiel 1000 CDs und zusätzlich noch 300 LPs. «Die brauchen sie, weil das ein Kultgegenstand ist», sagt Verwaltungsratspräsident Hans L. Oestreicher.

Jährlich 4 Millionen Platten aus der Schweiz

Die Turicaphon kommt so mal auf 20‘000, mal auf 50‘000 LPs pro Jahr. «Das ist unser kleiner Schweizer Boom», sagt Oestreicher. Er ist bald 80, hat sein ganzes Arbeitsleben in der Branche verbracht und dort auch den ganz grossen Boom erlebt.

In der Zeit von 1960 bis 1980 produzierte die Turicaphon im Presswerk bei Uster jährlich 4 Millionen LPs und Singles: «Die ganze Schweizer Schallplattenindustrie – von Polydor über Philips bis Ex Libris – liess bei uns pressen.»

Hans L. Oestreicher, VR-Präsident von Turicaphon, schaut zurück:

Und was passiert mit der CD?