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Familie und Freizeit Tripadvisor: Bei kritischen Hotel-Bewertungen droht Anzeige

Nach einer kritischen Bemerkung auf dem Online-Portal Tripadvisor bekommt ein «Espresso»-Hörer Post vom Anwalt des Hotels. Wenn er die Bemerkung nicht lösche, werde man ihn wegen «Diffamierung» anzeigen. Tatsächlich: Man muss Bewertungen so formulieren, dass sie klar als Meinung zu erkennen sind.

Legende: Audio Tripadvisor: Bei kritischen Hotel-Bewertungen droht Anzeige abspielen. Laufzeit 7:22 Minuten.
7:22 min, aus Espresso vom 18.11.2015.

Man solle sich eine Auszeit am Pool gönnen, steht auf der Homepage des Hotels geschrieben – neben idyllischen Landschaftsbildern. Das Hotel sei die richtige Adresse für «Designliebhaber» und Naturfreunde.

Genau das richtige für ein erholsames Wochenende, dachte sich «Espresso»-Hörer Chris Inderkum. Er verglich die Hotel-Bewertungen in verschiedenen Online-Portalen und buchte schliesslich für sich und seine Freundin ein Wellnesswochenende.

Die Beurteilung sei «Schmähkritik», schreibt der Anwalt

Doch das Paar wurde enttäuscht. Man habe mehr von einem Viersternhotel erwartet, erzählt der 29-Jährige Aussendienstmitarbeiter. Der Wellnessbereich sei nicht sehr gross gewesen, das Wasser zu kalt und der Whirlpool zu klein.

Wieder zu Hause schrieb Inderkum auf dem Bewertungsportal Tripadvisor: «Das Hotel ist im Eingangsbereich und an der Bar sehr stylisch, aber überall sonst sehr abgewohnt und hat nicht viel mit einem Design-Hotel zu tun. Das Hotel eignet sich für Aktivurlauber, da der Wellnessbereich sehr klein ausfällt, und der Innenpool ist wenig einladend.»

Zwei Wochen später findet Chris Inderkulm ein Schreiben einer tiroler Anwaltskanzlei im Briefkasten. Die Bemerkungen auf Tripadvisor seien unwahr und für das Hotel «grob schädigend». Die Grösse der Wellnessanlage und auch die Ausstattung der Zimmer seien auf der Homepage genau beschrieben und daher bei der Buchung bekannt gewesen, argumentiert der Anwalt. Was Inderkum hier mache, sei nichts anderes als ungerechtfertigte «Schmähkritik».

Anbieter wollen kritische Konsumenten zum Schweigen bringen

Der Anwalt setzt Chris Inderkum eine Frist von fünf Tagen, um den Eintrag zu löschen. Ansonsten werde man rechtliche Schritte einleiten, und zwar «strafrechtlicher, als auch zivilrechtlicher Natur».

Pikant: Inderkum ist kein Einzelfall. Auf der Homepage von Tripadvisor berichten weitere User von ähnlichen Erfahrungen mit anderen Hotels. Offenbar kommt es nicht selten vor, dass Anbieter per Anwaltsschreiben kritische Konsumenten zum Schweigen bringen wollen.

Inderkum ist konsterniert. Vor allem, weil sein Eintrag den Richtlinien von Tripadvisor entspricht. «Ich habe nur meine Meinung gesagt. So etwas ist doch nicht strafbar.» «Stimmt», erklärt Reto Ineichen, Rechtsanwalt und Dozent für Tourismusrecht an der Hochschule Luzern. Wer nur seine Meinung schreibe und diese auch als Meinung kennzeichne, bekomme keine Probleme. «Heikel wird es aber, wenn jemand seine Meinung als Tatsache darstellt und diese dann einer Überprüfung nicht Stand hält».

«Ich-Botschaften» sind harmlos

Konkret: Wer schreibt, das Zimmer sei nur gerade 10 Quadratmeter gross, wird sich keine Probleme einhandeln, wenn das Zimmer wirklich diese Fläche aufweist. Wer dagegen schreibt, das Zimmer sein nicht grösser als eine «Besenkammer» kann sich eine Anzeige wegen übler Nachrede einhandeln.

Reto Ineichen rät deshalb, Bewertungen wann immer möglich in «Ich-Botschaften» abzufassen. Zum Beispiel: «Mir war das Wasser zu kalt, die Suppe zu salzig …» (statt: «Das Wasser war zu kalt oder im Restaurant gab es nur Schlangenfrass»). Nur so könne man sich vor rechtlichen Auseinandersetzungen schützen.

Tripadvisor will gegenüber «Espresso» nur schriftlich Stellung nehmen. «Wir sind entschieden gegen jeden Versuch von Unternehmenseigentümern, Bewerter zu schikanieren oder einzuschüchtern.»

Screenshot
Legende: Eingabemaske bei tripadvisor. SRF

Laut Tripadvisor verletzen solche Einschüchterungsversuche die Richtlinien und könnten zu Sanktionen wie Markierung auf der Site oder einer Sperrung führen. Betroffene sollten sich deshalb melden. In rechtliche Auseinandersetzungen zwischen Konsumenten und Anbietern will sich Tripadvisor jedoch nicht einmischen.

Im Zweifelsfall rechtliche Beratung suchen

Chris Inderkum hat keine Lust auf Juristenknatsch. Er hat seinen Eintrag gelöscht. Für ihn ist klar, dass er nie wieder ein Hotel buchen wird, das rechtlich gegen kritische Gäste vorgeht.

Wer wie Chris Inderkum nach einer kritischen Bemerkung auf einem Bewertungsprotal Anwaltspost bekommt, sollte den Vorfall dem Portal melden und sich über das weitere Vorgehen rechtlich beraten lassen. Vor allem, wenn einem Brief eine so genannte Unterlassungserklärung beiliegt, die man unterschrieben sollte.

8 Kommentare

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  • Kommentar von Heino Petersen, 3084 Wabern
    Ich bin seit Jahren auf Tripadvisor mit 95 Bewertungen und über 76 000 Lesern unterwegs und schreibe unter Angabe meines Namens. Ein Ärgernis ist, dass eine anonyme Schreibe zugelassen wird. Tripadvisor hat einen Support, das ist eine Pseudoabteilung. Von mir verhungern seit Jahren Mitteilungen und Anfragen in der Warteschlaufe. Beantwortung am Sankt Nimmerleinstag. Es besteht überhaupt kein Interesse an einem Erfahrungsaustausch mit den Schreiberlingen (mit denen sie Geld verdienen).
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    1. Antwort von Ruedi, Stäfa
      Tripadvisor kann doch die wahre Identität nicht feststellen, wie denn? Höchstens wenn man seinen Geburtsschein einsenden muss. Aber dann macht niemand mehr mit. Aergern sie sich nicht. Ich denke wichtiger als die Identität sind realistische Berichte. Wenn man etwas vergleicht merkt man rasch, ob jemand einem Haus nur schaden will. Man muss eben auf verschiedenen Portalen vergleichen. Das ist manchmal schwierig weil die Bewertungen unter gewissen Portalen ausgetauscht werden.
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    2. Antwort von marianne suesli, zollikon
      ich geben regelmässig bewertungen auf tripadvisor.com ab, auch weniger gute; bis anhin hat mir noch kein anwalt gedroht; es ist ein absoluter witz, dass da mit dem holzhammer auf die kunden eingedroschen wird, eine freie meinungsäusserung ist m.e. nicht in der "ich" form abzufassen, weil man ja mit namen bekannt ist, so was schadet nur dem hotel selbst.
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    3. Antwort von K. Räschter, Thurgau
      @marianne suesli, Zollikon: wenn ein Hotel auf eine Bewertung von uns mit Anwalt drohen würde, dann würden wir umgehend die Hotel-Bewertung sogar ergänzen, dass das Hotel nicht mit Kritik umgehen kann und stattdessen mit Anwalt drohe.
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  • Kommentar von Enrico Chivaldori, VS
    Das man gegen gewisse Kommentare auf solchen und anderen Plattformen vorgeht wird auch Zeit. Der Ruf kann wegen unfairen Bewertungen massiv leiden. Wer Raff Undercover auf RTL vor ein paar Wochen gesehen hat weiss das es unglaublich viele dreiste Mitmenschen gibt!
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  • Kommentar von Ruedi, Stäfa
    Solche Bewertungen sollte man nicht mit seinem richtigen Namen abgeben. Bei Booking z.B. kann man zwar nur bewerten wenn man über Booking gebucht hat aber man kann anonym bleiben. Es empfiehlt sich, solche Bewertungen auch mit einigem Zeitabstand zu verfassen sodass der Aufwand zur Feststellung der Personalien grösser ist. Bei tripadvisor kann man sich problemlos mit einem Pseudo anmelden. Ob man dann via IP-Adressen gesucht wird entzieht sich meiner Kenntnis. Anonymes Internetcafe.... !
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    1. Antwort von Heino Petersen, 3084 Wabern
      Siehe oben. Es sollte nur eine Schreibe möglich sein, wenn diese unter dem eigenen Namen erfolgt. Anonym ist alles möglich - und Hinweise interessiert Tripadvisor nicht. Ein Gast schrieb wörtlich: Meine Reklamation ging dem Hotelier am Arsch vorbei. Gelöscht wurde die bösartige Bewertung nicht.. Mit wurde ein Bericht nach über einem Jahr kommentarlos entfernt, weil ich die Meinung eines anderen Gastes einfliessen liess. Das war Schreiben nach Hörensagen. Früher nannte man dies recherchieren.
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