Von wegen «Insider-Tipps»: Reiseführer im Praxistest

«Espresso» hat in Marseille sechs aktuelle Reiseführer getestet. Liefern sie Hintergrundinformationen zu den Sehenswürdigkeiten? Sind Design und Sprache ansprechend? Und ist der Aufbau logisch und übersichtlich? Nicht alle können in diesen Punkten mithalten.

Wenn einer eine Reise tut, will er sich vor allem auf seinen Reiseführer verlassen können. Nur leider ist das nicht immer möglich, wie unser Praxistest im südfranzösischen Marseille gezeigt hat.

Eindrückliches Beispiel: Beim Wahrzeichen von Marseille, der Wallfahrtskirche Notre-Dame-de-la-Garde, nannten vier der sechs getesteten Reiseführer unterschiedliche Öffnungszeiten. Die Spannweite reichte von «7 bis 18.15 Uhr» bis «7 Uhr bis Sonnenuntergang».

Besonders enttäuschend ist, dass in keinem der Reiseführer die korrekte Zeitangabe stand (7 bis 19.15 Uhr). Wer also eine Sehenswürdigkeit unbedingt besuchen möchte, ist besser bedient mit einem Blick auf die Internetseite der jeweiligen Attraktion. Im konkreten Fall waren dort die richtigen Öffnungszeiten auffindbar.

Restaurant-Empfehlungen nicht blind vertrauen

Reiseführer im Vergleich

Bildlegende: Reiseführer im Vergleich Vor- und Nachteile der Reiseführer. SRF

Ebenfalls Unterschiede gibt es bei den Restaurant-Empfehlungen. Hier schneiden jene Reiseführer besser ab, welche sich ausschliesslich mit der Stadt befassen. Da sie mehr Seiten zur Verfügung haben, sind ihre Empfehlungen logischerweise umfassender. Einige, angebliche Top-Adressen, sind gleich in mehreren Reiseführern aufgeführt.

Hier lohnt es sich, die vorgeschlagenen Restaurants über die Touristenplattform «TripAdvisor» zu prüfen. Die dortigen Bewertungen bestätigten nämlich unsere Erfahrung vor Ort: Auch ein noch so gelobtes Restaurant kann punkto Service zu wünschen übrig lassen.

Touristenfalle Bouillabaisse

Mehrere Reiseführer sagen, in Marseille müsse der Tourist unbedingt eine Bouillabaisse essen. Die zum Kochen äusserst aufwändige Fischsuppe ist die lokale Spezialität.

Der Test vor Ort, in einem gemäss Reiseführer «besten» Lokale für Bouillabaisse, zeigte jedoch, dass sich das viele Geld (63 Euro pro Person!) kaum lohnt. Mehrere Einheimische sagten gegenüber «Espresso», Bouillabaisse im Restaurant sei viel zu teuer – und die beste Bouillabaisse gebe es ohnehin zu Hause.

Unterschiede bei Aufbau und Zusatzangebot

Wer kennt sie nicht – die endlosen historischen Abhandlungen auf den ersten Seiten eines Reiseführers. Erfrischend anders daher kommt beispielsweise jener des Verlags «Reise Know-How», wo der Tourist quasi ab Seite 1 mit Entdecken anfangen kann.

Ebenfalls überzeugt punkto Aufbau hat der «100% Cityguide» des Verlags «Mo Media». Besonders praktisch: die herausnehmbare Spaziergangkarte. Nicht grösser als ein Einzahlungsschein kommt der Reisende damit ohne ständiges Kartenfalten, dafür mit klaren Anweisungen an diversen Sehenswürdigkeiten vorbei.

Diese beiden Reiseführer stellen zudem gratis Online-Inhalte zur Verfügung – deren Umfang jedoch durchaus noch ausbaufähig ist.

Städteausflug besser mit reinem Städteführer

Grundsätzlich gilt: wer mehrere Tage in einer Grossstadt wie Marseille verbringt, ist mit einem reinen Stadtführer besser bedient. Diese liefern mehr Tipps, haben eine breitere Palette an Restaurantempfehlungen und bieten mehr Hintergrundinformationen zu einzelnen Sehenswürdigkeiten.

Insgesamt finden sich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in allen Reiseführern und häufig werden auch die gleichen Informationen dazu geliefert. Angebliche Geheim- oder Insider-Tipps sind längst nicht immer so geheim, wie sie daherkommen.

Das «Espresso»-Urteil

Reise Know-How, CityTrip Marseille (CHF 15.90)

+ Attraktive Sprache, unterhaltsam getextet

+ Unkonventioneller Aufbau: «Marseille für Museumsfreunde, Geniesser, Kauflustige…»

- Die dazugehörigen Online-Inhalte sind zwar nett, insgesamt aber etwas dürftig und bieten nicht viel mehr als die Touristen-Plattform «TripAdvisor»

DuMont, Marseille (CHF 18.90)

+ Klassischer Reiseführer mit 15 Schauplätzen, die im Detail beschrieben werden

+ Ausführliche und übersichtliche Restaurantempfehlungen

- Sprachlich ein wenig farblos, daher wirkt die Lektüre zwischendurch etwas langweilig

MoMedia, 100% Provence (CHF 32.90)

+ Schlichtes, ansprechendes Design

+ Praktische «Spaziergangkarten» - so lässt sich der Stadtspaziergang ohne Kartenchaos geniessen

- Zum Reiseführer bekommt man gratis eine App für das Smartphone – deren Inhalte sind aber ebenfalls etwas dürftig (so sind etwa die Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten mit jenen im Reiseführer praktisch identisch)

Baedeker, Provence/Côte d’Azur (CHF 41.90)

+ Ausführliche Hintergrundinformationen, obwohl nur wenige Seiten über Marseille

- Nicht sehr übersichtliches und wenig ansprechendes Design, an der Grenze zur «Bleiwüste»

Marco Polo, Provence (CHF 19.90)

+ Top-Sehenswürdigkeiten auf einen Blick

+ Extra-Tipp für Leute mit kleinem Reisebudget

- Die angeblichen «Insider-Tipps» finden sich auch in anderen Reiseführern

Polyglott, Südfrankreich (CHF 19.90)

+ Nur etwas mehr als drei Seiten über Marseille – dennoch sind die wichtigsten Sehenswürdigkeiten drin

- Aufgrund des kleinen Umfangs praktisch keine Hintergrundinformationen zu den Sehenswürdigkeiten

«Ferien ohne Ärger»

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