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Geld «Ängste schüren und einlullen» - die Masche von Forever Living

Eine dubiose Firma ködert vor allem junge Leute mit vielversprechenden Job-Angeboten. In Tat und Wahrheit steckt ein schneeballartiges Geschäftsmodell dahinter. Experten warnen. «Espresso» schleuste sich an Ausbildungsveranstaltungen von «Forever Living» ein. Ein Insider-Bericht.

Legende: Audio «Ängste schüren und einlullen» - die Masche von Forever Living abspielen.
9:01 min, aus Espresso vom 27.08.2014.

Kurz nach 19 Uhr schreitet der Undercover-Reporter, wie von den Organisatoren verlangt in Anzug und weissem Hemd, in Richtung «Bildungszentrum». Noch weiss er nicht, was ihn wirklich erwartet.

Legende: Video Die Abzocker kommen via Facebook abspielen. Laufzeit 1:22 Minuten.
Aus Kassensturz vom 26.08.2014.

Dienstagabend, Dübendorf ZH im Industriequartier. Der «Mentor», welcher den Reporter angeschrieben hat, wartet bereits im Flur des Bürogebäudes.

Vor lauter Teilnehmer – es sind an diesem Abend geschätzte hundert Leute – ist er aber nicht so leicht zu finden. Offensichtlich wird das nicht wie angekündigt ein Vorstellungsgespräch, sondern etwas grösseres.

Präsentation statt Vorstellungsgespräch

Zwischenzeitlich hat der Neuling rausgefunden, dass es eine Präsentation gibt. Philipp Ritter, «die Nummer 1» in der Schweiz, würde Genaueres erläutern, erklärt ihm der «Mentor» aufgeregt.

Wir könnten aber vor dem Vortrag noch in seinem eigenen Büro kurz miteinander reden, um uns besser kennenzulernen. Standardfragen wie an gewöhnlichen Vorstellungsgesprächen bleiben zum Glück aus. Vielmehr erfährt der Teilnehmer, wie wegweisend der Einstieg in dieses Geschäft sein wird.

Mittels eines Strichcodes erhält der «Espresso»-Redaktor Zutritt zum Event-Raum. Partymusik mit viel Bass läuft, Bilder von schnellen Autos, Strandvillen und glücklichen Menschen werden an die Leinwand gebeamt. Wir haben einen Platz in der ersten Reihe, die meisten der anderen hundert Teilnehmenden sitzen hinter uns.

Freiheit, Zufriedenheit und viel Geld

Und dann geht’s los: Verschiedene Redner, darunter tatsächlich auch der 31-jährige Philipp Ritter, versprühen Lebensenergie, sind topmotiviert und bedanken sich, dass auch heute wieder so viele Leute hier sind.

Das Bild an der Leinwand mit dem Palmenstrand weicht einer Powerpoint-Präsentation. Es ist jetzt die Rede von Verlierern, von Arbeitsplätzen die bei uns gestrichen werden. Globalisierung und Inflation sind Stichworte, die aus dem Nichts auf die Teilehmenden einprasseln.

«Du kannst dem entweichen!» «Du kannst aus dem System ausbrechen!» «Du kannst auf einen Erfolgszug aufspringen!», wird mantramässig wiederholt. Im Raum verbreitet sich ein Gefühl von: «Stimmt eigentlich! Das möchte ich auch.»

Von Freiheit reden die Präsentatoren. Und von finanzieller Unabhängigkeit. Dies könnte gemeinsam erreicht werden. Träumen sei wieder möglich. Wer darauf Lust habe, soll zum zweiten Teil der Präsentation hier bleiben. Wer nicht, der dürfe gerne gehen. Man wolle mit offenen und mutigen Personen zusammenarbeiten.

Forever Living Produkte verkaufen – aber eigentlich doch eher Leute anheuern

Nun endlich wird klar, worum es geht. Produkte wie Shampoo, Lippenpomade oder Energy-Drinks verkaufen. Alle mit Aloe Vera hergestellt. Welch tolle Produkte das sind, bestätigen die Personen, die jetzt scheinbar zufällig aufstehen.

Es sind dieselben, die vom Geschäftsmodell schwärmen. Denn die Produkte werden nicht klassisch beworben, sondern durch Mund-zu-Mund-Propaganda an die Konsumenten gebracht. Belohnt wird denn auch, wer engagiert und aktiv Leute von den Produkten überzeugt. Und sie auch in die «Forever Familie» integriert.

Und «Integrieren» heisst, sie ebenfalls zu Verkäufern zu machen. Je mehr «Distributoren» jemand anheuert, desto höher steigt er in der Hierarchie auf – und kassiert ab. «Wann hast du schon mal in einem Restaurant davon profitiert, dass du es weiterempfohlen hast?», ist die rhetorische Frage.

«Nicht ein Gratiskaffee hast du vermutlich gekriegt.» Bei Forever ist das anders. Hier wird belohnt, wer kräftig Werbung macht – und wer kräftig Neumitglieder anheuert. «Macht Sinn», denken sich viele.

«High Five» – und Schulterklopfen

So läuft auch der «Espresso»-Redaktor mit einer Probe-Kiste voller Forever-Living-Produkte aus dem Schulungsraum. 250 Franken kostet sie. Ansonsten wären ihm die Türen für die nächste Schulung nämlich verschlossen geblieben. Schliesslich soll man die Produkte kennen, die man anschliessend unter die Leute bringen soll. Viele andere bezahlen auch.

Bei einer weiteren vierstündigen Veranstaltung am Sonntagnachmittag sollen die Neuen weiter geschult werden. In Tat und Wahrheit werden dort mit gleichen psychologischen Tricks, mit schönen Bildern und Filmen, die Teilnehmer auf das Geschäftsmodell eingeschworen.

«Wovon träumst du?» Gegenseitig wird von Zukunftsplänen vorgeschwärmt. «Du schaffst es», bekundet der Mentor des «Espresso»-Redaktors. Wir geben uns ein «High Five». Dann erklärt die Nummer 1 von Forever Living in der Schweiz Philipp Ritter, weshalb ihr Geschäftsmodell kein Schneeballsystem ist.

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Parallelen zu Sekten

Susanne Schaaf von Infosekta

Die Fachstelle Infosekta sieht in der Organisation von Forever Living Parallelen zu sektenhaften Systemen. Die Expertin für Sektenfragen, Susanne Schaaf im Gespräch mit «Espresso». Hier geht's zum Interview.

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Bürger können dubiose Firmen beim Staatssekretariat für Wirtschaft melden. Hier geht's zum Formular.

186 Kommentare

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  • Kommentar von Tim lüthi, Bachtel
    Was ganz interessant ist, dass das Produkt mit Entgiften des Körpers wirbt aber selber etliche Konservierungsstoffe einsetzt. Auch die Appetitkiller tabletten stellten sich klinisch als unwirksam heraus ausser dass sie die Leber schädigen könnten. Das einzige was hilft ist immer noch FDH (friss die Hälfte) dies ist natürlich im Programm auch eingebaut, ginge natürlich auch ohne das Kaufen des Produktes.
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    1. Antwort von Christoph Leinhart, Solothurn
      Ohja...mein Kollege nervt auch schon die ganze zeit mit seinem clean9 müll...ich hab ihm gesagt der körper entgiftet sich von allein...einfach mal alc weglassen bisschen weniger essen...dann meinte er ich hätte keine ahnung das geht so nicht...neeein nir clean 9 bringt dir den super erfolg...oh man die sind voll durch! und nach den 9 tagen...frisst man dann alles wieder rein...gesund leben ist ein eigener lifestyle..clean9 ist eher was die immer noch für ihre sünden bezahlen wollen ;-)
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  • Kommentar von Ansgar Reichert, Luzern
    Kick Off Forever München,die Spitze der Hirnwäsche,danke forever,mein langjähriger freund wurde von euch so gut wie isoliert aus seinem umkreis (nur erfolgreiche sind deine freunde usw...) kauft wie blöd bei euch ein nur um den Umsatz zu erreichen, ihr seit sehr intelligente betrüger das muss man euch lassen. hoffe er kommt irgendwann noch zu sich..ach und das hotel+ticket+anfahrt hat er mit freude selbst bezahlt um da hin zu gehen..mehr ausgegeben an einem WE als im letzen ganzen Jahr verdient!
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    1. Antwort von Richard Schulz, Landshut
      Ich denke mal, dass ihr Freund schon erwachsen ist. D.h. er kann selber Entscheidungen treffen. Wenn er an einer Veranstatung teilnehmen will, die motiviert etwas zu tun, dann ist es sein Recht dies zu tun.Wegen der Einkäufe: Niemand wird gezwungen zu bestellen. Und wenn man bestellt dann bestellt man so viel, dass der Mindestbestellwert erreicht ist. Wenn ihr Freund gleich am anfang schon für 5000€ Bestellt nur um Manager zu werden ist das nur logisch, dass es nichts wird.
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    2. Antwort von Richard Schulz, Landshut
      Ich weiß zwar nicht wie der Mindestbestellwert in der Schweiz geregelt ist aber man sollte klein anfangen. Man muss nicht wie bekloppt bestellen. Und schnelles Geld wird niemandem versprochen. Ich bin selbst bei FLP und war bei unzähligen Veranstaltungen und fast jeder Sprecher hat folgenden Grundsatz: Man kann etwas erreichen man muss nur etwas dafür tun! Wer nur bestellt 3 Leute einschreibt und denkt, er wird reich ist bei Forever falsch.
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    3. Antwort von Ansgar Reichert, Luzern
      jaaa genauu immer die selben sprüche drauf..das bei euch aber gelockt wird mit viel geld und urlaub usw..und in einem jahr kannst dein job an den nagel hängen und alles die die arbeiten sind eh selber schuld haben mit dem leben abgeschlossen...ihr seit nur auf dummfang..und wie du sagtest..es müssen sich viele einschreibem um zu verdienen..um die überteuerten produkte geht es gar nicht!! eure psychomaschen sind eben auch für manchen erwachsenen schwer zu durchdchauen!
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    4. Antwort von Richard Wagner, Kempten
      Auch ich bin bei Forever und hab meine Freunde komischerweise behalten können ;) Bin nicht isoliert, INVESTIERE NICHT HIRNLOS, weil ich nicht mal was lagern muss und außerdem KEIN Abo hab :) Wie auch immer man bei Forever arm werden kann, wüsste ich gern.
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    5. Antwort von Linda Wyss, Olten
      haha...es treiben sich hier immer noch foreverleute rum um stimmung zu machen...nö ihr seit alle schlau weder arm und alle soo suuuper reich "lach". meine freundin ist auch dabei und erzählt mir so manches...abends allein am laptop sitzen und in FB fremde leute anschreiben , das nennt sie arbeiten! aber ich sag da nix...steht eh jeden tag wieder ein dummer auf, nur deswegen gibts euch schon so lange!
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  • Kommentar von Mandy Miller, Burgdorf
    Ich habe das Produkt C9 selber getestet und finde es super! Danach ging ich an eine Infoveranstaltung im Raum Bern. Es wurde kein schnelles Geld, keine Gratisferien etc. versprochen, die Leute waren sehr angenehm und sind von den Produkten überzeugt weil sie diese selber brauchen. Es wurden keine Ängst geschürt und klar kommuniziert, dass jeder selber wissen muss wieviel Aufwand er betreiben möchte. Aber da bei SRF sowieso Tag ein, Tag aus nur Käse läuft, erstaunen mich solche Artikel nicht.
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