Intrum Justitia: Drohen, einschüchtern und abkassieren

Das Wort Betreibung löst bei vielen Menschen Angst aus. Mit diesen Ängsten operiert Intrum Justitia. Das Inkassobüro treibt für Versandhäuser, Telekommunikationsanbieter oder Ärzte offene Rechnungen ein. Mit unzimperlichen Methoden. Zwei unglaubliche Fälle aus der «Espresso»-Redaktion.

«NEUVOLLZUG BETREIBUNG » stand in fettgedruckten Grossbuchstaben auf dem Brief, den Alice Casagrande aus dem Couvert zog. Absender ist das Inkassounternehmen Intrum Justitia. Die 76-jährige Frau wird aufgefordert, 2600 Franken für eine unbezahlte Spitalrechnung aus dem Jahr 1984 zu bezahlen. Zahlungsfrist: 10 Tage.

«Es ist entwürdigend, wie Intrum meine Mutter behandelt.»

Die verzweifelte Frau wendet sich an ihre Tochter. «Meine Mutter hat vier Kinder alleine grossgezogen», erzählt diese. «Eine Krankenkasse konnte sie sich schlicht nicht leisten». Alice Casagrande sei damals betrieben worden. Weil sie und ihre Kinder unter dem Existenzminimum lebten, wurde ein Verlustschein ausgestellt.

Seither habe man weder vom Betreibungsamt noch vom Spital je wieder etwas gehört. Und nun dieser Brief. Nach 30 Jahren. Nur schon das Wort «Betreibung» habe ihrer Mutter gefühlsmässig den Boden unter den Füssen weggezogen, erzählt ihre Tochter. «Meine Mutter hat gezittert und geweint. So etwas ist einfach entwürdigend.»

Betreibungsandrohung wegen einer Namensverwechslung

Intrum Justitia völlig ausgeliefert fühlte sich auch Urs Nauer. «DIE RECHTLICHEN SCHRITTE GEGEN SIE WERDEN BALD EINGELEITET», droht man ihm. 7767 Franken solle er für eine offene Sunrise-Rechnung bezahlen.

Urs Nauer fällt aus allen Wolken. Denn: Er war nie Kunde der Sunrise. In einem Brief will er der Intrum das Missverständnis erklären. Doch statt einer Entschuldigung bekommt Nauer die Aufforderung, eine Ausweiskopie einzuschicken. «Eine Frechheit», findet er.

Wer schiebt den Geldeintreibern endlich einen Riegel?

Intrum Justitia schreibt «Espresso», man habe einen Namensvetter von Urs Nauer im Visier gehabt. Es handle sich deshalb um ein normales Vorgehen, Ausweiskopien zur Identifizierung einzuverlangen.

Immerhin Sunrise hat sich in der Zwischenzeit bei Urs Nauer entschuldigt. Der kann die Entschuldigung aber nicht akzeptieren. «Solchen Firmen sollte man das Handwerk legen», fordert er.

Konsumentenschützer beissen bei Inkassobüros auf Granit

Tatsächlich bemüht sich die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) und die Féderation Romande des Consommateurs (FRC) seit Jahren darum, mit dem Inkassoverband verbindliche Richtlinien für ein faires Forderungsinkasso auszuarbeiten. Doch die Verhandlungen laufen harzig, weiss Jeanine Jakob, Juristin bei der SKS. Eine baldige Lösung sei nicht in Sicht.

So können Sie sich wehren

Die Konsumentenschützer hoffen deshalb auf die Politik. Ein Postulat will die furchterregenden Praktiken von Inkassobüros gesetzlich verbieten. Bis es aber soweit ist, dürften mindestens 2 Jahre verstreichen. In dieser Zeit müssen sich Konsumentinnen und Konsumenten selber wehren.

Wie, das erfahren Sie auf unserem Merkblatt «Was Inkassobüros (nicht) dürfen» (siehe Linkbox).