Partnervermittlung: Callcenter ruiniert Singles

Partnervermittlung per Telefon, SMS oder Internet. Diesen Service bieten verschiedene Firmen in Zeitungen an. Dahinter steht oft das gleiche obskure Callcenter. Ex-Mitarbeiter und geprellte Singles packen aus.

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17.03.20: Skrupellose Phonedating-Firmen (Kassensturz, 17.3.09)

9:58 min, aus Kassensturz vom 17.3.2009

Urs Raggenbass lebt allein. Vor drei Jahren erlitt er bei einem Arbeitsunfall eine schwere Hirnverletzung. Sie warf ihn völlig aus der Bahn. Damals meldet er sich in seiner Verzweiflung auf ein Kontaktinserat mit einer 0900-Nummer. Er lernt die Moderatorin Samira kennen. Statt ihn an eine Inserentin zu vermitteln, beginnt Samira selber mit ihm zu flirten. Raggenbass: «Irgendwann habe ich mich verliebt, nicht von Anfang an, aber ich habe jemanden gesucht und ich dachte, ich hätte jemanden gefunden.»

«Verarsch mich bitte nicht»

Monatelang telefoniert Raggenbass mit Samira – immer über eine 0900-Nummer. Das kostet ihn pro Minute 4.99 Franken. Moderatorin Samira sagt, sie liebe ihn. Am Telefon planen sie ihre gemeinsame Zukunft. «Ich habe gemeint, sie sei echt, ich habe ihr von Anfang an gesagt, verarsch mich bitte nicht», erzählt der Alleinstehende.

Aber Samira heisst nicht wirklich Samira. Sie nützt die Orientierungslosigkeit des Hirnverletzten gnadenlos aus. Immer wieder ruft sie ihn an und hinterlässt Nachrichten. Die Moderatorin schafft es während dreier Jahre immer wieder, Raggenbass zum Wählen der teuren 0901-Nummer zu verführen. Seine Telefonrechnungen sind horrend. Sie summieren sich auf insgesamt 53'000 Franken.

Eine alleinerziehende Mutter hat sich ebenfalls auf ein Inserat gemeldet. Sie schämt sich und will unerkannt bleiben. Bei ihr war es ein Moderator namens Kevin. Er sagte ihr, er wolle sie nicht vermitteln – er wolle sie ganz für sich. Nach wenigen Wochen kann sie die Telefonrechnungen nicht mehr bezahlen. Es sind über 20'000 Franken. Trotzdem habe er sie mit Versprechen und schönen Worten animiert, weiter anzurufen, sagt sie. «Er sagte, wenn du kein Geld mehr hast, musst du dir helfen lassen von Mami und Papi.»

Systematische Lügen ...

«Kassensturz» weiss: Samira und Kevin arbeiten in Uitikon-Waldegg (ZH) in einem Callcenter. Es sind nicht ihre richtigen Namen, sie arbeiten mit Pseudonymen. Ihnen geht es nicht um Liebe, ihnen geht es nur ums Geld. Hinter dem Callcenter stehen die Firmen CSC-Communication und Ragunt AG. Sie sind verantwortlich für die Kontaktinserate von Phonedating und Life-Channel.

Jetzt packt eine ehemalige Callcenter-Mitarbeiterin aus. Aus Angst vor ihrem früheren Arbeitgeber will sie anonym bleiben. Sie sagt, Kevin und Samira würden mit System lügen und Gefühle vortäuschen. «Du flirtest mit dem Anrufer und sagst, er sei dir sympathisch. Du fragst ihn aus und dann weisst du, wann er Feierabend hat.» Man hinterlasse Nachrichten, wie sehr man ihn vermisse. Das Ziel sei, den suchenden Single zu umgarnen und ihn so zu erneuten Anrufen auf die teure 0900-Nummer zu bewegen.

«Kassensturz» liegt ein Arbeitsvertrag aus dem Jahr 2007 vor: Der Stundenlohn beträgt 15 Franken. Geld verdienen die Moderatoren, wenn sie die Anrufenden möglichst lange in der Leitung halten: 65 Rappen pro Minute. Weil jede Minute zählt, arbeiten die Moderatoren auch mit Lügen und falschen Versprechungen. Und wenn ein Anrufer ganz ungeduldig wird, spielt jemand am Telefon einen Single auf Partnersuche: Name, Alter und Aussehen werden frei erfunden.

Schauspieler Kevin gestellt

«Kassensturz» lüftet den Vorhang: Hinter dem skrupellosen Moderator Kevin versteckt sich ein Schauspieler. Er arbeitet auch auf einer Märchenbühne. Nach einer Vorstellung möchte «Kassensturz» mit ihm über seinen Job bei Phonedating sprechen. Doch er streitet ab, Phonedating überhaupt zu kennen. Das sei eine Verwechslung, behauptet er. Eine glatte Lüge: Denn kurz darauf schaltet sich sein Anwalt ein. Er verlangt von «Kassensturz», Kevins richtigen Namen nicht zu nennen und sein Gesicht zu verfremden.

Auch Bernhard Ruppli wurde von Phonedating geprellt: Der Maurer ist froh, wieder auf dem Bau arbeiten zu können. Die gemeinen Psychospiele von Phonedating führten bei ihm zu einem Nervenzusammenbruch. Vor einem Jahr wollte er die Inserentin Monika kennenlernen. Zwei mal hörte er ihre Stimme am Telefon, jedes Mal wurde die Leitung plötzlich unterbrochen. Darauf hin liess ihn der Moderator am Telefon auf Monika warten – stundenlang.

Bernard Ruppli wohnt alleine mit seinen beiden Katzen. Heute weiss er, dass er nach Strich und Faden belogen wurde. Phonedating hat ihn sogar zu einem Treffen mit Monika bestellt. Doch Monika erschien nicht. Es gibt sie wohl gar nicht. Ruppli musste innerhalb von sieben Monaten Telefonrechnungen von insgesamt 23'000 Franken bezahlen.

Vermittlung nicht garantiert

«Kassensturz» bittet die Verantwortlichen um eine Stellungnahme vor der Kamera. Doch diese scheuen das Licht der Öffentlichkeit. Sie verstecken sich hinter einem undurchsichtigen Firmenkonstrukt. Sie schreiben «Kassensturz», in der Ansage werde erwähnt, dass es sich um eine Plauder- und Unterhaltungslinie handle und keine Vermittlung garantiert sei. Zudem werde auf die Kosten gesetzeskonform hingewiesen. «Selbstverständlich gehen wir den Vorwürfen nach und werden bei Verstössen entsprechende Massnahmen ergreifen.»