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Geld Postfinance sperrt Euro-Handel: Kleinanleger fühlen sich betrogen

Ein Postfinance-Kunde reagiert am Tag des Euro-Absturzes rasch. Er will seine Euro online zu einem Kurs von Fr. 1.18 verkaufen. Doch die Post sperrt den Devisenhandel – «zum Schutz der Kunden», heisst es. Bankenexperten kritisieren in «Kassensturz» das Postfinance-Management.

Legende: Video «Postfinance sperrt Euro-Handel: Kleinanleger verlieren Tausende» abspielen. Laufzeit 4:42 Minuten.
Aus Kassensturz vom 20.01.2015.

René Mühlheim hat bei der Post ein Euro-Konto mit 25‘000 Euro. Vergangenen Donnerstag, wenige Minuten nachdem die Schweizer Nationalbank (SNB) bekannt gegeben hat, sie werde den Mindestkurs aufgeben, will der Postfinance-Kunde seine Euros verkaufen: Gemäss Onlineportal Postfinance liegt der Eurokurs zu dieser Zeit bei 1.18 Franken. «Ich habe mich bei der Postfinance eingeloggt, mit der Absicht, meine Euros in Schweizer Franken zu wechseln. Es kam aber nur eine Meldung, dass sei im Moment nicht möglich.» Mülheim telefoniert mehrmals mit Postfinance. Man rät ihm, es später am Nachmittag nochmals zu versuchen. Er muss zusehen, wie er Geld verliert.

Andere Banken hielten an Devisenhandel fest

Auf Anfrage von «Kassensturz» schreibt Postfinance: «Wir haben den Devisenhandel unmittelbar nach der Ankündigung der Nationalbank vorübergehend komplett ausgesetzt. (…). Zu diesem Zeitpunkt fand am Devisenmarkt keine adäquate Preisbildung mehr statt. Wir konnten nicht sicherstellen, dass Fremdwährungstransaktionen zu marktgerechten Preisen abgewickelt werden.» Weiter betont Postfinance, dass zum Zeitpunkt des Verkaufs-Auftrages von Herrn Mühlheim der Euro/Franken-Kurs nicht mehr bei 1.18 gelegen habe, sondern schon viel tiefer gefallen sei. Als am Devisenmarkt wieder eine gewisse Liquidität vorhanden gewesen sei, habe man die verschiedenen Kanäle wieder geöffnet. Dies sei am frühen Nachmittag der Fall gewesen.

«Kassensturz» weiss: Anderen Schweizer Banken hielten den Devisenhandel am Donnerstagmorgen aufrecht. Dies zeigt eine Umfrage von «Kassensturz» bei UBS, CS, ZKB, BeKB, Raiffeisen, Migros Bank und Bank Coop. Allerdings hätten die Aufträge wegen des hohen Handelsvolumens zum Teil nur zeitverzögert ausgeführt werden können, räumen die angefragten Banken ein.

Das «Versagen» der Postfinance

Den Devisenhandel über Stunden auszusetzen sei gegen das Interesse der Kunden, betont Maurice Pedergnana, Professor für Bankwesen an der Hochschule Luzern: «Wenn ich als Postfinance meinen Kunden Jahrelang sage, ich biete Devisenhandel an, ihn dann aber in hektischen Zeiten über Stunden aussetze, und das im weltweit liquidesten Markt, dann ist das ein Versagen des entsprechenden Instituts.»

Der Bankenexperte verweist zudem auf die neuen Marktverhaltensregeln der Finanzaufsichtsbehörde Finma. Dieser Verhaltenskodex wurde auf Anfang dieses Jahres verschärft und hat für Banken und Finanzinstitute bindenden Charakter. Laut Maurice Pedergnana sollte die Finma prüfen, ob die Postfinance gegen diese Vorgaben verstossen hat. Denn es sei klar, dass eine Bank oder auch die im Zahlungsverkehr sehr starke Postfinance in den ersten Minuten nach der Bekanntgabe durch die SNB in eine sehr schwierige Situation geraten sei. Aber: «Nach einer Viertelstunde oder 20 Minuten waren alle Informationen vorhanden, um den Handel fortführen zu können. Meiner Meinung nach hätten Kundenaufträge ausgeführt werden müssen.»

Postfinance schreibt dazu: «Aus unserer Sicht kommen die Marktverhaltensregeln der Finma im vorliegenden Fall nicht zur Anwendung. Ungeachtet dessen sind wir überzeugt, dass wir im Interesse aller unserer Kundinnen und Kunden gehandelt haben.»

Devisenmarkt weniger stark beaufsichtigt

Finma-Sprecher Tobias Lux erklärt gegenüber «Kassensturz», die Finma stehe mit Banken und Versicherern in Kontakt. Einerseits, um zu sehen, wie sie finanziell betroffen sind und andererseits, um Informationen zu erhalten, wie sie in dieser aussergewöhnlichen Situation agierten und ob ihre Systeme und Prozesse angemessen funktioniert haben. Zum Handelsstopp der Postfinance wollte sich die Finma nicht konkret äussern.

Gleiches Recht für alle, fordert auch Postfinance-Kunde René Mühlheim: «Wenn die ganze Schweiz vom Handel genommen worden wäre, dann hätte ich absolut Verständnis. Aber wenn nur ein Teil ausgeschlossen wird und der andere Teil macht weiter, dann finde ich das nicht mehr in Ordnung.»

23 Kommentare

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  • Kommentar von thorsten nupnau, 8406 winterthur Schlosstalstrasse 38e
    Die Postfinance kann ja auch nicht die Verluste hinnehmen, denn es ist das Geld der Anleger was verloren geht. € Anleger freuen sich keine Verluste gemacht zu haben, indem sie mal eben das Geld getauscht haben, aber die Postfinance sitzt auf einmal auf Milliarden Euro die plötzlich 20% weniger Wert haben. Ich als Kunde muss mir jetzt anhören die Postfinance ist Pleite weil sie zuviel Euros angekauft hat. Dann doch lieber diejenigen beleidigt, die vorher auf eine Unsichere Währung gesetzt haben.
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  • Kommentar von A. Huber - ICT, Basel
    ..... und viele werden trotzdem weiterhin munter und fleissig Online Banking und elektronische Konten, elektronisches Geld nutzen, bis auch hier der Zypern-Hammer zuschlägt... Wer sein Erspartes digital-elektronisch anlegt/aufbewahrt, wird viel lernen MÜSSEN...
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    1. Antwort von Michi, Bern
      Der 'Zypern-Hammer' schlägt hier jährlich zu, nennt sich auch Vermögenssteuer und gewollte Inflation. Und dabei ist egal ob man das Geld auf der Bank oder in Bar aufbewahrt (ausser man hinterzieht es absichtlich). Was aber richtig ist, ist, dass für Bankenrettungen primär Aktionäre und Gläubiger bluten müssen, also diejenigen, die der Bank ihr Geld anvertraut haben. Gewinne privatisieren und Risiko verstaatlichen geht gar nicht. Wer Geld anlegt, muss auch wissen dass es Risiken gibt.
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    2. Antwort von A. Huber - ICT, Basel
      @ Michi, Bern: Die Zyprioten, die ihr Vermögen in bar horteten, konnten nicht digital-elektronisch enteignet werden - das ist doch ein ganz, ganz grosser Unterschied...
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    3. Antwort von Michi, Bern
      Da gibts zwei Aspekte. Erstens die Vermögenssteuern, also Teile des Vermögens die der Staat einzieht. Da ists egal in welcher Form man das Vermögen hat, ausser man hinterzieht es. Zweitens die Bankenpleite: Wer Geld bei einer Bank hat, ist Gläubiger dieser Bank, dafür kriegt man die Zinsen. Kann die Bank es nicht mehr zurückzahlen, hat man halt Pech gehabt. Keine Geldanlage, auch kein Sparkonto oder Bargeld im Safe, ist ohne Risiko. Bargeld kann z.B. geklaut werden oder verbrennen.
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    4. Antwort von A. Huber - ICT, Basel
      @ Michi, Bern: Bargeld können Sie besitzen, elektronisches/digitales Geld gehört nie wirklich Ihnen, es ist bloss virtuell vorhanden... Otto-Normalkonto-Besitzer zahlt bei den Bankspesen drauf, da nützen die momentanen Mikrozinsen auch nichts. Die Wahrscheinlichkeit, dass mein Bargeld geklaut wird oder verbrennt, ist dermassen gering - das nehme ich sehr, sehr gerne in Kauf. Bargeld ist anonym, bietet Freiheit - das kann elektronisches/digitales Geld alles nicht bieten...
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    5. Antwort von Michi, Bern
      Bargeld kann man besitzen, richtig, das spielt aber für das Eigentum keine Rolle. Ich kann sowohl Eigentümer einer Forderung gegen eine Bank sein, als auch von Bargeld. Ausserdem bietet (auch) Bargeld keinen echten Gegenwert, das ist nur was wert weil man daran glaubt. Wenn die SNB morgen beschliesst, 1 Billion CHF zu schöpfen wird auch das bald nichts mehr wert sein. Wenn du wirkliche Werte willst, kauf dir Edelmetalle, Immobilien, etc. Bargeld ist auch nicht sicherer als ein Bankkonto.
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    6. Antwort von A. Huber - ICT, Basel
      @ Michi, Bern: Bargeld ist in vielen Punkten wesentlich vorteilhafter als ein Bankkonto - das habe ich versucht, aufzuzeigen. Buchgeld ist wesentlich schneller weg als Bargeld. Wenn die SNB negative Massnahmen für' s Geld trifft, ist davon IMMER AUCH das Buchgeld betroffen! Sperren bspw. Staat und Banken Bankkonten und räumen sie (Zypern), um damit "systemrelevante" Spekulanten zu retten, habe ich mein Bargeld immer noch! Auch der AIA greift bei Bargeldbesitz ins Leere, usw., usf...
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  • Kommentar von Hansi Mayer, Zürich
    Die Postfinance ist nun mal keine richtige Bank! Was lernen wir daraus? Für Bankdienstleistungen von einer Bank nutzen!
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    1. Antwort von Jörg, Eiras
      jawohl! die 60 Milliarden Ramschpapiere, die vom Bund gekauft worden sind und damit die Rettung der Bank UBS, das war dann "richtige Bank"
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    2. Antwort von Peter Müller, Bern
      Doch. Die Postfinance ist seit 2014 eine Bank!
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