«Schweiz-Zuschlag»: So schröpfen Konzerne Konsumenten und KMU

Seit Jahren zwingen internationale Konzerne Schweizer Konsumenten und KMU, Markenartikel und Importprodukte zu überhöhten Preisen einzukaufen. «Kassensturz» zeigt auf, wie das geht und welche Lösung das nun Parlament vorbereitet, um den Beschaffungszwang aufzuheben.

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Konzerne schröpfen Konsumenten und KMU

15 min, aus Kassensturz vom 27.1.2015

Lenzerheide, Hotel Schweizerhof: Der Geschäftsleiter Andreas Züllig kann im Gegensatz zur Konkurrenz im nahen Ausland nicht vom tiefen Euro profitieren. Denn er kann nicht einkaufen, wo er will. Beispielsweise Küchengeräte: Sein Kombi-Steamer kostet in der Schweiz 12'000 Franken, in Deutschland kostet er deutlich weniger.

Hergestellt wird der Steamer vom Konzern Convotherm, der Produkte weltweit vertreibt. In Deutschland kostet der Steamer 8569 Euro. Schweizer Gastronomen müssen über den Schweizer Vertrieb kaufen: Dasselbe Gerät kostet 12'250 Franken.

Das sind 40 Prozent Prozent mehr. Doch bestellen können Schweizer den Steamer nicht in Deutschland. Für Andreas Züllig, den Präsidenten von Hotelleriesuisse, ist das eine Wettbewerbsverzerrung.

Deutsche verkaufen nicht an Schweizer

Allgemein gilt: Nicht nur Hotels, auch Kleinunternehmen werden durch eine Art Gebietsschutz gezwungen, teuer einzukaufen. Eine Firma erkundigt sich bei der Schweizer Vertretung eines internationalen Konzerns nach den Preisen. Die Schweizer Firma stellt fest: Bei der Vertretung des Konzerns etwa in Deutschland ist das identische Produkt deutlich günstiger, es kostet nur die Hälfte.

Direktorin

Bildlegende: Anastasia Li-Treyer. SRF

Doch die deutsche Vertretung verkauft Schweizer Kunden keine Ware. Der Konzern zwingt den Betrieb dazu, zur Schweizer Vertretung zu gehen und dort zum höheren Preis einzukaufen. Für den Konzern ein gutes Geschäft - auf Kosten der Schweizer Firma.

Der Schweizer Markenartikelverband Promarca sieht darin kaum Probleme. Die Direktorin Anastasia Li-Treyer betont: «Währungsifferenzen werden selbstverständlich weitergegeben. Das ist die Haltung des Verbandes, aber auch der Mitglieder. Man darf nicht vergessen, dass ein grosser Teil der Kosten ins Franken anfallen.»

Coca Cola nur aus dem Inland

Im Hotel Schweizerhof in Lenzerheide verursachen Lebensmittel und Getränke hohe Kosten. Doch Schweizer Restaurants können zum Beispiel Coca Cola nicht günstig im Ausland beziehen, sondern müssen es teurer beim Schweizer Abfüller kaufen. Ein Schweiz-Zuschlag, verordnet von Coca Cola. Andreas Züllig schätzt, er könnte Coca-Cola im Ausland rund 30 Prozent günstiger einkaufen mit dem jetztigen Wechselkurs.

Züllig

Bildlegende: Restaurants müssen Coca Cola teurer beim Schweizer Abfüller kaufen. SRF

Nicht nur Schweizer Hoteliers müssen zu hohen Preisen einkaufen, dasselbe Problem hat auch der Detailhandel. Bei Markenartikeln kommt es vor, dass die Einkaufspreise höher sind als die Ladenpreise in Deutschland. Schweizer Konsumenten bezahlen mehr für dieselben Importprodukte.

Recherchen von «Kassensturz» haben ergeben, dass beispielsweise die Nivea Vital Tagescrème im EDK in Konstanz 6.74 Franken kostet, Schweizer Detailhändler müssen dafür im Einkauf 8.96 Franken bezahlen, mehr als Kunden in Deutschland. Konsumenten in der Schweiz müssen tief in die Tasche greifen: 17.80 Franken, 164 Prozent mehr als in einem Laden in Deutschland.

Euro-Beispiel

Bildlegende: SRF

Für das Haarfärbemittel Schoko Braun von Schwarzkopf bezahlt man im Drogerie-Markt Konstanz umgerechnet 4.50 Franken. Der Einstandspreis für einen Schweizer Detailhändler ist 5.79, und Konsumenten in der Schweiz zahlen 12.10 Franken an der Kasse. Das sind 169 Prozent mehr.

Dasselbe gilt für die Reinigungsmilch von L' Oréal, Age perfect. Der Preis im Drogerie-Markt in Konstanz ist 3.49 Franken, der Einstandspreis für Schweizer Detailhändler beträgt 5.06 Franken, der Preis für Konsumenten in der Schweiz: 10.30 Franken. Das sind 195 Prozent mehr.

Allerdings: Auch die stattliche Margen der Schweizer Detaillisten sind neben den Schweiz-Zuschlägen ausschlaggebend für höhere Preise.

Politiker verhindern Kartellgesetz

Ein neues Kartellgesetz hätte die sogenannten Schweiz-Zuschläge verhindern sollen. Doch die gesamte Gesetzesrevision scheiterte letztes Jahr im Parlament. Nun hat die Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) des Ständerats über einen einzelnen Vorstoss diskutiert.

Es ging in der Sitzung von gestern darum, dem Kartellgesetz doch noch Zähne zu geben um den Schweiz-Zuschlag zu verhindern. Die Kommission hat den Vorschlag angenommen.

Roberto Zanetti, Präsident Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) erklärt, welche Argumente sich durchgesetzt haben: «Wir haben es als störend empfunden, dass für gewisse Produkte in der Schweiz 20, 30, 40, Prozent mehr bezahlt werden als im Ausland. Damit wird die Wettbewerbsfähigkeit verschlechtert.»

KMU müssen gegen Konzerne vorgehen

In der Hotellerie sind die Sparmöglichkeiten ausgereizt. Damit Andreas Züllig gleich lange Spiesse hat wie seine Konkurrenz ennet der nahen Grenze, müsste er gleich günstig einkaufen können. Andreas Züllig: «Wir könnten hier ohne grosse Anstrengungen relativ viel Geld sparen und dadurch Wettbewerbsfähiger werden.»

Für ihn ist klar: Unternehmer und die Wettbewerbskommission müssen gegen ausländische Firmen vorgehen können, die sie zwingen, ihre Produkte teurer in der Schweiz einzukaufen.

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Studiogespräch mit Roger Zäch, emeritierter Professor für Wirt...

5:31 min, aus Kassensturz vom 27.1.2015

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