Swisslos ist selbst Lottogewinner – dank Systemwechel

Die Rekordsumme von 47,8 Millionen im Schweizer Lotto-Jackpot ist die Folge eines Systemtricks: Seit Anfang 2013 ist die Wahrscheinlichkeit eines grossen Jackpots höher, gleichzeitig ist die Chance, ihn zu knacken, um 20 Prozent gesunken. Bei Swisslos klingelt die Kasse.

Noch nie konnte im Schweizer Lotto so viel Geld gewonnen werden. Entsprechend gross ist auch das Lottofieber. Was kaum jemand realisiert: Diese Rekordsumme ist ein Resultat eines Tricks: ein Systemwechsel, der Anfang 2013 stattfand. Einerseits wurde der Mindesteinsatz erhöht, andererseits haben sich die Chancen auf den Hauptgewinn massiv verschlechtert.

«Lotto-Sechser» wurde beerdigt

Aus dem Ziel des damaligen Systemwechsels macht Swisslos-Sprecher Willy Mesmer keinen Hehl: «Wir haben versucht, den Jackpot so anwachsen zu lassen, dass er zumindest ab und zu in den Bereich der Euromillions-Gewinne kommt.» Eine Strategie, die voll aufgegangen ist, wie der aktuelle Jackpot beweist. Der Trick dahinter: Der «Sechser im Lotto» wurde vor eineinhalb Jahren still und leise beerdigt. «Das ist richtig», bestätigt Willy Mesmer von Swisslos gegenüber dem Konsumentenmagazin «Espresso» von Radio SRF 1. «Der Lotto-Sechser, wie man ihn kennt und wie er sich auch als Redewendung eingebürgert hat, ist gestorben. Es gibt ihn zwar noch, aber er ist nicht mehr der Haupttreffer. Der Hauptgewinn ist heute der Lotto-Siebner, also sechs richtige und die Glückszahl.»

Gewinnchancen massiv gesunken

Mit diesem Systemwechsel ist die Chance auf den Hauptgewinn markant gesunken, rechnet Martin Mächler, Statistiker und Dozent an der ETH Zürich, vor. Früher standen die Gewinnchancen bei 1:24 Millionen. Heute ist es 1:31 Millionen. «Die Wahrscheinlichkeit, den Jackpot zu knacken, ist damit um 20 Prozent gesunken», so Martin Mächler von der ETH Zürich.

Mit der Erhöhung des Mindesteinsatzes von drei auf fünf Franken und der kleineren Gewinnwahrscheinlichkeit ist das Schweizer Lotto seit Anfang 2013 faktisch also unattraktiver geworden. Willy Mesmer kann den Vorwurf nicht ganz von der Hand weisen. Er wendet aber ein: «Dafür ist der Haupttreffer auch attraktiver geworden. Hier sind neu Beträge im Spiel, die vorher nicht möglich gewesen wären.»

Einsätze «geradezu explodiert»

Für Swisslos ist der Systemwechsel also aufgegangen. Mit den neuen Regeln habe sich das Schweizer Lotto gegenüber Euromillions stabilisiert. Die Zahlen seien im 2014 gar leicht gestiegen, heisst es. Die derzeit ungewöhnlich hohen Jackpots tragen nicht unwesentlich zum Erfolg bei. Während bei einer normalen Ziehung rund 200‘000 Lottoscheine ausgefüllt werden, waren es bei der letzten Ziehung 1,4 Millionen, also sieben Mal mehr. Ganz zur Freude von Swisslos: «Die Gleichung, je höher der Jackpot, desto höher der Einsatz, stimmt. In den letzten Wochen sind die Einsätze geradezu explodiert und erreichen Ausmasse, mit denen wir im Schweizer Lotto gar nicht mehr gerechnet haben.»

Nicht mit Wahrscheinlichkeiten umgehen

Kasse machen die Lotteriegesellschaften vor allem deshalb, weil der Mensch generell nicht mit Wahrscheinlichkeiten umgehen könne, sagt der Statistiker Martin Mächler. «Die Wahrscheinlichkeit, im nächsten Jahr wegen eines Verkehrsunfalls ums Leben zu kommen, ist 8‘000 Mal höher, als mit einem Lottoschein den Jackpot zu knacken. Diese Zahl ist eindrücklich. Auch mir war das nicht bewusst gewesen, bevor ich es ausrechnete. Das zeigt, dass wir kein Gefühl für seltene Wahrscheinlichkeiten haben.»

Berechnungsweise

Die Aussage, die Gewinnchance habe vor dem Systemwechsel bei 1:24 Millionen gelegen, hat in unserem Forum für hefitge Diskussionen gesorgt. Hier deshalb die Berechnung im Detail:

Damit der Vergleich fair verläuft und nicht unterschiedliche Dinge miteinander verglichen werden, hat Martin Mächler von der ETH das heutige System Lotto-Sechser und Zusatzzahl (1 aus 6) mit dem früheren System Lotto-Sechser mit Zusatzzahl (1 aus 3) verglichen. Hätte er das aktuelle System mit dem früheren Lotto-Sechser ohne Zusatzzahl verglichen, wäre die Verschlechterung der Gewinnchancen noch krasser ausgefallen.

Die Berechnung:

Altes System:
6 Richtige aus 45 Zahlen plus eine Zusatzzahl aus 3
M = 45*44*43*42*41*40 / (6*5*4*3*2*1) * 3 = 24'435'180

Neues System:
6 Richtige aus 42 Zahlen plus eine Zusatzzahl aus 6
M = 42*41*40*39*38*37 / (6*5*4*3*2*1) * 6 = 31'474'716

Reduktion der Gewinnwahrscheinlichkeit:
Verhältnis : 24'435'180 : 31'474'716 = 0.77634
also knapp 78 %, und daher die Aussage, dass es rund 20% (genauer wäre 22.4 %) schwieriger ist, den neuen Jackpot zu knacken.

Die Berechnungen von Martin Mächler von der ETH Zürich sind somit absolut korrekt.