Antibiotika-Resistenz: «Desinfektionsmittel mit auf Reisen»

Untersuchungen zeigen Erschreckendes: Die meisten Reisenden aus asiatischen Ländern kommen mit antibiotika-resistenten Keime nach Hause. Andreas Widmer, Professor für Infektiologie und Spitalhygiene sagt, was Touristen wissen müssen und wie sie sich schützen können.

Touristen schleppen multiresistente Keime in die Schweiz ein. Diesen Schluss lässt eine Untersuchung des Tropeninstituts und des Basler Universitätsspitals zu: Von knapp 70 Personen, die nach Indien reisten, kamen weit über drei Viertel mit multiresistenten Keimen zurück. Ähnliche Resultate gab es bei Reisenden in andere asiatische Länder.

Multiresistente Keime machen grundsätzlich nicht krank, werden jedoch gefährlich, sobald man einen Infekt hat: Denn die gängigen Antibiotika nützen nichts dagegen. Andreas Widmer, Professor für Infektiologie und Spitalhygiene am Universitätsspital Basel erklärt im Interview der Konsumentensendung «Espresso» von Radio SRF 1, was Touristen wissen müssen.

Andreas Widmer

Bildlegende: Andreas Widmer. SRF

«Espresso»: Wie kann ich mich auf Reisen gegen multiresistente Keime schützen?

Andreas Widmer: Eine einfache Massnahme ist, ein Desinfektionsmittel für die Hände mitzunehmen. Denn häufig fehlt auf Toiletten sauberes Wasser. Auch wenn man an einem Strand isst, lohnt es sich, die Hände vorher mit einem feuchten Desinfektionstüchlein zu waschen. Das bringt schon mal einiges.

Es gibt eine uralte Reiseregel in Sachen Lebensmittel: «Cook it, boil it, peel it – or forget it» (Lebensmittel kochen, braten, schälen – oder die Hände davon lassen). Diese Regel reicht also nicht mehr?

Widmer: Sie würde schon genügen, aber wir wissen ebenfalls aus Untersuchungen, dass sie maximal zu zehn Prozent eingehalten werden kann! Denken Sie an die tollen Früchte in den tropischen Ländern: Alle essen davon. Da ist der soziale Druck sehr gross und es ist meist unvermeidlich, dass man irgendwo in Kontakt kommt mit diesen Keimen.

Soll man sich nach einer Asienreise untersuchen lassen?

Widmer: Nein, das ist nicht nötig. Die Keime bleiben in der Regel im Darm. Dort machen sie nicht krank. Erst wenn man krank wird oder verunfallt wird es kritischer. Denn dann erkrankt man oft an einem multiresistenten Keim. Der Notfallarzt rechnet aber nicht damit, dass so ein Keim vorliegt. So kann es passieren, dass man gleich zu Beginn falsch behandelt wird.

Also…?

Widmer: Unbedingt den Notfallarzt oder Operationsarzt über eine Reise in ein tropisches Land informieren. Und zwar weil sich die Keime nur langsam abbauen – über mehrere Monate. Es ist zu vergleichen mit Afrika: Nach einer Afrikareise legt man bei medizinischen Eingriffen heutzutage automatisch ein spezielles Augenmerk auf die Malariabekämpfung. Nach Asienreisen gilt es jetzt, auf diese resistenten Keime aufzupassen. Der Hinweis sollte übrigens auch bei Reisen nach Südamerika gemacht werden, dort sind es wieder andere Keime, die multiresistent geworden sind.

ESBL auf Gemüse

ESBL auf Gemüse

Ein Kassensturz-Test zeigt: Auch Gemüse enthält antibiotikaresistente Bakterien. Zum Artikel

ESBL

ESBL = Extended-Spectrum-Beta-Laktamase. Dieses Enzym wird in Bakterien der Familie der Enterobakterien (Enteron = Darm) erzeugt und inaktiviert Antibiotika. ESBL ist demnach kein Keim, sondern bezeichnet eine Eigenschaft.