Gefährliche Medikamente: Studien verheimlicht

Pharmakonzerne halten negative Studienergebnisse zurück. Dadurch kommen gefährliche Medikamente auf den Markt. Die Hersteller verschweigen die Nebenwirkungen gegenüber Ärzten und Patienten. «Kassensturz» zeigt Fälle, in denen Firmen die Patientensicherheit ihrem Profitstreben opfern.

Video «Gefährliche Medikamente: Studien verheimlicht» abspielen

Gefährliche Medikamente: Studien verheimlicht

18 min, aus Kassensturz vom 22.6.2010

Der Befund ist klar: Das renommierte Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln zeigt in einer neuen Studie, wie häufig Ergebnisse klinischer Studien unterdrückt werden. «Das gezielte Publizieren eher positiver Studien oder aber auch das falsche Publizieren von Studien ist ein häufiges Phänomen», sagt Thomas Kaiser, Leiter der Abteilung Arzneimittelbewertung beim IQWiG gegenüber «Kassensturz». Bei neu zugelassenen Medikamenten würden bis zu 60 Prozent der Studien nicht oder nicht richtig publiziert, kritisiert Kaiser.

Aus wirksam wird wirkungslos

Ein Beispiel ist das Antidepressivum Edronax des US-Konzerns Pfizer. Im letzten Jahr kritisierte das IQWiG, dass Pfizer bei Edronax zwei Drittel der erhobenen Daten unter Verschluss halten würde. Erst auf externen Druck hin habe Pfizer den Wissenschaftlern am IQWiG auch die nicht veröffentlichten Studien zu Edronax zur Verfügung gestellt, sagt Kaiser. «Wenn man sich alle Daten anschaut, hat Edronax keinen Beleg für einen Nutzen mehr, aber für einen Schaden, während die publizierten Daten das Gegenteil nahelegen», erklärt Kaiser. Pfizer widerspricht gegenüber «Kassensturz» dieser Darstellung. Pfizer habe schon auf die ursprüngliche Anfrage hin die für eine Nutzenbewertung relevanten Daten übermittelt und dann zusätzliche Daten zur Verfügung gestellt. Das Medikament sei wirksam.

Die Liste der Medikamente, bei denen nicht alle Daten veröffentlicht wurden, ist lang. Auf dieser sind das Grippemittel Tamiflu oder das Schmerzmittel Vioxx zu finden, das 2004 vom US-Pharmakonzern Merck & Co. vom Markt genommen wurde. Peter Jüni, Professor am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern, ist ein international renommierter Experte für die Auswertung von Medikamentenstudien. Als Grund für das selektive Publizieren von Studien ortet er finanzielle Interessen der Pharmakonzerne. «Es fliesst natürlich sehr viel Geld in die klinische Forschung von solchen Firmen», so Jüni. «Der Umsatz eines Medikaments von vielleicht einer Milliarde US-Dollar könnte auf die Hälfte oder ein Viertel zusammenfallen, wenn die Resultate einer bestimmten Studie nicht das zeigen, was man erwartet.»

Schlimme Folgen für Patienten

Als Reaktion auf den Vorwurf, sie würden unliebsame Studien unterschlagen, sagen verschiedene Pharmafirmen, sie würden heute alle klinischen Studien auf ihrer Webseite publizieren. Die Vereinigung der Pharmafirmen in der Schweiz betont, dass die Pharmaunternehmen gesetzlich verpflichtet seien, gegenüber den Zulassungsbehörden sämtliche Daten offenzulegen. Erika Ziltener, Präsidentin des Dachverbands Schweizerischer Patientenstellen, sagt, das Verheimlichen von negativen Studienresultaten könne schlimme Folgen für Patientinnen und Patienten haben. «Ich finde es unhaltbar, dass Studien mit negativen Resultaten in der Schublade verschwinden. Und zwar vor allem deshalb, weil man Patientinnen und Patienten durch die Weitereinnahme dieser Medikamente einer Gesundheitsgefährdung aussetzt.»

Experten fordern deshalb, dass sämtliche klinischen Studien in ein öffentliches Register eingetragen werden müssen. So würde verhindert, dass Hersteller unangenehme Studien verheimlichen.