Medikamente aus dem Ausland: Kulante Kassen müssen zittern

Bisher haben viele Krankenkassen günstige Medikamente aus dem Ausland aus «Kulanz» bezahlt, obwohl sie dies vom Gesetz her nicht dürften. «Gut so!» sagen Preisüberwacher, Konsumenten- und Patientenschutz. Doch die Angst, zurückgepfiffen zu werden, ist gross. Erste Kassen sind schon zurückgekrebst.

Die Kosten für Medikamente machen in unserem Gesundheitssystem einen beträchtlichen Teil aus. Inklusive Spezialmedikamente rund einen Viertel, rechnet Sarah Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz vor.

Sparer werden bestraft

Dass Schweizer Kassen Medikamente, die ihre Kunden günstig im Ausland einkaufen, vom Gesetz her nicht vergüten dürfen, versteht Sara Stalder deshalb genau so wenig wie der Preisüberwacher Stefan Meierhans: «Schweizerinnen und Schweizer, die bei den Medikamenten sparen wollen, werden so bestraft.»

«Man sollte jedes Sparpotenzial nutzen»

Auch den Krankenkassen ist dieses Gesetz, «Territorialitätsprinzip» genannt, ein Dorn im Auge. «Stossend ist, dass wir für die gleichen Präparate wesentlich mehr bezahlen als im Ausland. Ich finde, man sollte jedes Einsparpotenzial nutzen», so Andreas Schiesser vom Krankenkassenverband Santésuisse.

Heimatschutz für die Pharmaindustrie

Patienten- und Konsumentenschützer, Gesundheitsökonomen und Krankenkassen sind sich einig: Mit diesem Gesetz betreibe man schlicht und einfach Heimatschutz – auf dem Buckel der Prämienzahler. «Medikamente sind auf der ganzen Welt gleich, da sollte der Wettbewerb spielen», meint Preisüberwacher Stefan Meierhans. Und er fügt an: «Ich hoffe, dass das Gesetz entsprechend angepasst wird und in Zukunft sparwillige Patienten belohnt werden.»

Bis jetzt aus Kulanz bezahlt

Die Hoffnung auf eine gesetzliche Änderung ist jedoch klein. Seit Jahren ist es deshalb ein offenes Geheimnis, dass viele Kassen ihren Kunden Medikamente aus dem Ausland aus «Kulanz» trotzdem vergüten. Man wolle die Patienten nicht mit unnötigen Regeln schikanieren, so der Tenor.

Einzelne Kassen krebsen zurück

Öffentlich über dieses Thema sprechen mögen im Gegensatz zu früher nur noch wenige Kassen. Die Angst, vom zuständigen Bundesamt für Gesundheit BAG zurückgepfiffen zu werden, ist offensichtlich gross. So gross, dass einzelne Kassen bereits zurückgekrebst sind, oder ihre kulante Haltung «aktiv überdenken», wie Recherchen des Konsumentenmagazins «Espresso» von Radio SRF 1 zeigen.

«Schade», meint Sarah Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz: «Wenn die Kassen anfangen, ihre Haltung zu überdenken und übervorsichtig werden, ist das für uns ein Rückschritt.»

Beim Bundesamt für Gesundheit heisst es auf Anfrage, man habe die Haltung diesbezüglich nicht geändert: «Es ist unsere Aufgabe, das Krankenversicherungsgesetz, wie es vom Parlament beschlossen wurde, umzusetzen», sagt Oliver Peters, Vizedirektor des BAG. Die Lösung des Problems sieht das BAG darin, die Medikamentenpreise in der Schweiz generell zu senken, und nicht darin, dass Patienten ihre Medikamente im Ausland kaufen.

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