Novartis: Widerstand gegen überteuertes Mittel

Gegen Altersblindheit hilft ein günstiges Medikament, doch Ärzte müssen ihren Patienten jetzt ein neues Novartis-Mittel verrechnen. Es ist fast identisch – aber 40 Mal teurer. Diese Preistreiberei wollen sich Ärzte und Krankenkassen nicht gefallen lassen.

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Novartis: Widerstand gegen überteuertes Mittel

16 min, aus Kassensturz vom 15.1.2008

Elisabeth Nüssli hat ein Augenleiden, das viele Menschen trifft, wenn sie älter werden. Die 60-Jährige leidet an der sogenannten feuchten Makula-Degeneration. Die Krankheit ist gefährlich, sie kann zur Erblindung führen. Jedes Jahr erkranken in der Schweiz 3000 Menschen.

Es geht um Milliarden

Dank der Therapie mit dem Medikament Avastin sieht Elisabeth Nüssli wieder viel besser. Augenarzt Daniel Bruun verwendet das Medikament immer noch, obwohl es offiziell nicht mehr erlaubt ist: «Man kann die degenerativen Prozesse stoppen, häufig ist es sogar so, dass sich die Sehschärfe erholt.»

Wie Hunderte andere Augenärzte auf der ganzen Welt hat Bruun mit Avastin sehr gute Erfahrungen gemacht. Dennoch: Pharmaindustrie und Behörden wollen, das Augenärzte Avastin nicht mehr verwenden – eine Pharma-Geschichte, in der es um Milliarden geht.

Verwendung ungenehm

Avastin ist eigentlich ein Krebsmedikament. 2005 entdeckten Augenärzte, dass es auch gegen Altersblindheit wirkt. Der Pharmakonzern Roche hat Avastin in den USA entwickelt. Weltweit verwendeten Augenärzte erfolgreich Avastin. Das war nicht im Sinne von Roche. Roche brachte stattdessen das Avastin sehr ähnliche Medikament Lucentis auf den Markt und gab es in Europa Novartis zum Vertrieb. Die Pharma erreicht ihr Ziel: Offiziell ist nun nur Lucentis für die Augen-Behandlung zugelassen.

Avastin und Lucentis sind chemisch sehr ähnlich. Sie unterscheiden sich aber im Preis: Eine Spritze Avastin kostet 40 Franken, eine Spritze Lucentis 1832 Franken – über 40 Mal mehr! Roche weigert sich, klinische Studien für die Zulassung von Avastin durchzuführen.

In Europa spannt Roche mit Novartis zusammen und hat den Lucentis-Verkauf an Novartis abgetreten. Die Preistreiberei der Pharmakonzerne sorgt für Empörung. Die Krankenkassen rechnen mit jährlichen Mehrkosten von 50 Millionen Franken wegen Lucentis.

Assura: «Das ist ein Skandal»

Fredi Bacchetto, Vizedirektor der Krankenkasse Assura, spricht Klartext: «Das ist ein Skandal. Da kommt die Firma Roche gratis und franko zu einem billigen, guten Wirkstoff gegen eine schwere Augenkrankheit. Anstatt, dass sie es einfach den Patienten weitergibt, verändert sie den Wirkstoff etwas, damit sie dem Medikament einen neuen Namen geben kann. Dann tut sie den Preis vervierzigfachen. Und damit das nicht so auffällt, gibt sie es einer Konkurrenzfirma in Lizenz zum Vertrieb. Das ist ein Skandal.»

Roche widerspricht: Lucentis sei ein eigenständiger Wirkstoff und in einem unabhängigen Forschungsprogramm entwickelt worden. Konzernchef Franz B. Humer sagte dazu letztes Jahr: «Es wurde hier ein vollkommen neues Produkt entwickelt, das zwar einen Teil der Struktur von Avastin hat, aber Lucentis ist ein vollkommen anderes Produkt.»

Kostenübernahme verweigert

Wie auch immer: Lucentis ist völlig überteuert, sagt die Assura. «Vom Gesetz her haben wir den Auftrag, nur wirtschaftliche Leistungen zu vergüten. Jetzt haben wir zwei gleichwertige Präparate, der einzige Unterschied ist, die eine Behandlung kostet 500 Franken, nämlich im Fall von Avastin – und im Fall von Lucentis kostet sie 20'000 Franken. Für uns ist völlig klar, dass wir die Kosten von Lucentis nicht mehr übernehmen und nur noch das Avastin vergüten.»

Die Kasse geht auf Konfrontation mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG). Das BAG hat den hohen Preis von Lucentis bewilligt. Die günstige Behandlung mit Avastin spielte in Erwägungen der Behörde keine Rolle. BAG-Vize-Direktor Peter Indra rechtfertigt: «Avastin ist vielfach eingesetzt worden, aber man hat nie klinisch kontrollierte Studien durchgeführt, welche die Sicherheit des Medikaments belegen. Die Studien sind notwendig, damit wir ein solches Medikament zulassen können. Bei der Preisfestsetzung von Lucentis haben wir auch mit dem Ausland verglichen, und da hat die Schweiz den besten Preis von ganz Europa bekommen.»

Augenarzt bleibt unbeeindruckt

Ärzte und Spitäler, die sparen wollen, sind im Clinch: Das BAG und die Pharmaindustrie weisen darauf hin, dass sie Avastin auf eigene Verantwortung verwenden. Daniel Bruun lässt sich nicht beeindrucken: «Wenn zwei Medikamente offensichtlich gleich gut sind, gleich sicher, gleich wirksam, dann müsste der Arzt sich auch an die Wirtschaftlichkeit halten und das günstigere Medikament verwenden.»

«Kassensturz» will von Novartis-Forschungsleiter Paul Herrling wissen, wie sich der hohe Preis von Lucentis rechtfertigt. Den Vergleich mit Avastin lehnt er ab. Es sei schliesslich für die Augenbehandlung nicht zugelassen: «Lucentis ist das erste Medikament, das die Altersblindheit verzögern und verbessern kann. Es hat ungefähr 18 Jahre gebraucht, um das Produkt zu entwickeln. Der Nutzen für die Gesellschaft und für den Patienten ist immens.»

Widerstand auch im Ausland

Auch im Ausland regt sich Widerstand gegen die Taktik der Pharmakonzerne. Italien bezahlt im öffentlichen Gesundheitsdienst das günstige Avastin. In Deutschland fordern Politiker die Zwangszulassung von Avastin. Novartis bot an, einen Teil der Lucentis-Mehrkosten zu übernehmen.

Massiver Widerstand regt sich auch in England, wo der nationale Gesundheitdienst eine Vergleichstudie finanziert. Ebenso viel Aufruhr in den USA. Dort sollen öffentlich finanzierte Vergleichstudien die Gleichwertigkeit von Avastin und Lucentis nachweisen.

Darauf warten auch Augenärzte in der Schweiz. Augenkliniken, die auf Lucentis umstellen mussten, hätten mehr rechtlichen Rückhalt, wieder Avastin einzusetzen.

Stabilisiert und leicht verbessert

Ein typischer Fall: Das Kantonsspital St. Gallen verwendet seit einigen Monaten auf Empfehlung des Bundes und aus Haftungsgründen nur Lucentis. Absurd: Avastin hatte sich in St. Gallen bestens bewährt: «Wir haben seit 2006 mehr als 300 Patienten mit Avastin behandelt. Im Schnitt konnte die Seeschärfe nicht nur stabilisiert, sondern leicht verbessert werden, was bei dieser Krankheit eigentlich einen grossen Erfolg darstellt», bestätigt Christophe Valmaggia, leitender Arzt der Augenlinik St. Gallen.

Avastin: bewährt und günstig. Dennoch zahlen Patienten und Prämienzahler Millionen für Lucentis, weil es Behörden und Pharmaindustrie so wollen.