Obstbau: Experte fordert Antibiotika-Stopp

Obstbauern dürfen das Antibiotikum Streptomycin spritzen, um den Feuerbrand zu bekämpfen. «Kassensturz» zeigt: So können Multiresistenzen entstehen, die für den Menschen gefährlich sind. Ein Berner Professor fordert ein Verbot.

Video «Experten fordern Antibiotika-Verbot» abspielen

Experten fordern Antibiotika-Verbot

7:06 min, aus Kassensturz vom 5.6.2012

Ganze Apfelplantagen mussten in den letzten Jahren herausgerissen und verbrannt werden. Die hochansteckende Bakterienkrankheit Feuerbrand verbreitet sich zusehends in der Schweiz. Sie lässt die junge Früchte und den ganzen Baum schwarz werden – wie vom Feuer verbrannt.

Betroffen Kernobst

Seit vier Jahren erlaubt deshalb das Bundesamt für Landwirtschaft den Bauern das Spritzen der Blüten mit Streptomycin. Dieses Antibiotikum wurde früher in der Medizin zur Behandlung von Tuberkulose verwendet.

Ob in Äpfel und Birnen noch Antibiotika-Rückstände sind, lässt das Bundesamt für Landwirtschaft kontrollieren. Doch damit ist die Gefahr für Mensch und Umwelt noch lange nicht gebannt.

Der Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft ist höchst umstritten. Es besteht das Risiko, dass sich antibiotikaresistente Bakterienstämme entwickeln. Die Folge: Im Krankheitsfall wirken bei Patienten Antibiotika nicht mehr.

Antibiotika fressende Schafe

Feuerbrand

Bildlegende: Feuerbrand SRF

Wie riskant das Ausbringen von Antibiotika in die Umwelt ist, zeigt Professor Joachim Frey vom Institut für Veterinärbakteriologie in Bern in einer neuen Studie.  Auf dem Gelände des Instituts weideten zwei Gruppen Schafe.

Eine Gruppe ganz normal, die andere aber frass Gras, das mit Streptomycin besprüht war – in der gleichen Konzentration wie die Obstplantagen.

Resistente Erreger in Nase und Darm

Resistente Erreger gefunden

Bildlegende: Resistente Erreger gefunden SRF

Abstriche aus Nase und Darm der Schafe zeigten zur Überraschung des Veterinärbakteriologen schnell Veränderungen. «Der Versuch zeigt eindeutig, dass die Schafe, die auf der behandelten Wiese weideten, vermehrt streptomycinresistente Erreger hatten», sagt Joachim Frey.

Noch beunruhigender aber ist für ihn: «Die meisten Erreger, die wir isolierten, sind auf verschiedene Antibotika resistent.» Gehen solche Resistenzgene auf Krankheitserreger beim Menschen über, dann lassen sich manche Krankheiten nicht mehr heilen.

Todesfälle durch Antibiotikaresistenz

Der Schluss, den Professor Joachim Frey daraus zieht, ist klar: «Aus medizinischer Sicht, sollte man Streptomycin in der Landwirtschaft nicht anwenden.» In Schweizer Spitälern kommt es jährlich zu etwa 80 Todesfällen, weil die Krankheitserreger der Patienten multiresistent sind. Tendenz steigend.

Behörden sehen keinen Handlungsbedarf

Das Bundesamt für Landwirtschaft erlaubt den Einsatz von Streptomycin jedes Jahr neu. Ist der Einsatz des Antiobiotikums nach den aktuellen Studienergebnissen noch zu verantworten?

«Ja», sagt Vizedirektorin Eva Reinhard. «Mit den strengen Sicherheitsmassnahmen, die wir beim Spritzen verlangen und mit den Kontrollen, die wir immer durchführen, können wir das Risiko eingehen.»