Rationierung in Spitälern: Sparen auf Kosten der Patienten

Der Spardruck in Spitälern hat dramatische Folgen: Patienten wird die bestmögliche Behandlung vorenthalten. Die Verantwortung, solche Entscheide zu fällen, überlassen Gesellschaft und Politiker dem Spitalpersonal.

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Rationierung in Spitälern: Sparen auf Kosten der Patienten

16 min, aus Kassensturz vom 30.3.2004

Das Thema Rationierung ist ein grosses Tabu. In den Spitälern findet das Sparen im Versteckten statt. Die renommierte Medizin-Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle weiss, wo in den Spitälern rationiert wird: "Bei allgemein versicherten Patienten werden Metallimplantate verwendet, privat Versicherte erhalten Implantate mit Platin. Das führt zu ganz eigenartigen Situationen, indem zum Beispiel ein 35Jähriger einen Herzschrittmacher erhält, der weniger dauerhaft ist als jener des 97Jährigen Privatversicherten, der den Rolls Royce der Herzschrittmacher erhält", erzählt Ruth Baumann-Hölzle. Die Garantie für die beste Behandlung haben nur noch Privatpatienten. Die Zweiklassen-Medizin ist bereits Realität.

Das Recht auf die beste Behandlung ist jedoch auch gefährdet durch die hohen Medikamentenpreise. Einer der wenigen, die es wagen von Rationierung zu sprechen, ist der Luzerner Gesundheitsdirektor Markus Dürr. Letztes Jahr kürzte ihm der grosse Rat das Spitalbudget um 13 Millionen Franken. Und das bei explodierenden Medikamentenkosten. Allein bei den Krebsmedikamenten haben sich die Kosten in den letzten Jahren verfünffacht: von 770'000 Franken auf 3,7 Millionen Franken pro Jahr.Dürr sieht Sparmöglichkeiten: "Gegen Hirntumore werden zwei Medikamente eingesetzt: Natulan kostet für sechs Monate 1800 Franken; Temodal für die gleiche Verabreichungszeit 21'000 Franken. Beim Temodal lebt man dafür einen Monat länger, nämlich sieben Monate", sagt Dürr. Als Gesundheitsdirektor frage er sich, ob das Geld, das man hier für diesen Monat mehr ausgibt, richtig angelegt sei oder ob nicht an einem anderen Ort massiv eingespart werden müsse, um dies zu finanzieren.

Die finanziellen Mittel reichen nicht mehr für alle aus. Doch Gesellschaft und Politiker überlassen den Entscheid, welche Leistung der Patient bekommt, den Ärzten und dem Pflegepersonal. Der Luzerner Gesundheitsdirektor findet das unhaltbar: "Man muss öffentliche Regeln aufstellen, die festlegen, wie beschränkte Mittel im Spital eingesetzt werden", fordert Dürr.

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