Das treibt Kunden in den Wahnsinn

Zahnbürsten, DVDs oder Rindsfilets: Vieles scheint für die Ewigkeit eingepackt – und ist nur mit Gewalt zu öffnen. Das bringt Kunden zum Verzweifeln. «Kassensturz» macht mit Passanten den Auspacktest, zeigt die grössten Ärgernisse und fragt, warum nicht bessere Verpackungen möglich sind.

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Das treibt Kunden in den Wahnsinn

11 min, aus Kassensturz vom 21.9.2010

«Verpackungen wurden vor allem mit den ersten Selbstbedienungsläden in den 30er-Jahren wichtig. Damals begann man, Waren in den Regalen zu präsentieren», erklärt Renate Menzi, Kuratorin beim Museum für Gestaltung Zürich. In den Depots des Museums lagern 20‘000 historische Verpackungen – die grösste Sammlung ihrer Art reicht bis in die Anfänge des letzten Jahrhunderts zurück. Viele der historischen Verpackungen waren aber benutzerunfreundlich – wie etwa Konservendosen.

Nicht ohne Werkzeug

Doch auch 100 Jahre Verpackungsgeschichte später sind bei weitem nicht alle Verpackungen in den Gestellen moderner Selbstbedienungsläden handlicher geworden. «Kassensturz» hat seine Zuschauerinnen und Zuschauer aufgerufen, die ärgerlichsten Verpackungen zu melden. Wir haben die meistgenannten Verpackungen gekauft und sie in Luzern am traditionellen Wochenmarkt von Passanten testen lassen.

Das Resultat ist klar: Für den grössten Ärger sorgen sogenannt formstabile Verpackungen, vor allem für elektronische Kleinteile wie Computersticks oder Speicherkarten. Ohne Werkzeug geht hier gar nichts. Bei Migros werden inzwischen aber auch Glühbirnen so eingepackt – zum grossen Unmut vieler Konsumenten. «Diese Verpackung hat den grossen Vorteil, dass der Kunde sieht, was für ein Produkt da eingepackt ist. Das Produkt ist gut geschützt, auch vor Diebstahl», erklärt Migros-Sprecherin Monika Weibel.

Toast-Problem erkannt

Zwar würden Glühbirnen zum Teil auch noch in Kartonschachteln angeboten, betont Weibel, aber die Kunden machten diese Schachteln oft auf, um sich zu vergewissern, dass sie das richtige Produkt kauften. «Solche angerissenen Schachteln in den Gestellen lassen sich dann nicht mehr verkaufen», so Weibel. Andere Verpackungen, die während des «Kassensturz»-Versuches moniert wurden, will Migros jetzt aber ändern. So zum Beispiel bei Dinkeltoast: Der Inhalt war nicht aus der Verpackung zu kriegen, ohne dass die Toastscheiben zerbröselten.

Grosse Mühe bekunden die Konsumenten im «Kassensturz»-Versuch auch mit Folienverpackungen, etwa für Frischfleisch oder Teigwaren. Oftmals reisst die Kunststofffolie beim Öffnen ein, die Lasche bricht ab oder die Verpackung lässt sich ohne Schere gar nicht aufmachen. Coop-Sprecher Nicolas Schmid ist sich der Problematik bewusst: «Wir wissen, dass gewisse Verpackungen gar nicht so einfach aufzubringen sind. Wir sind bemüht, uns da zu verbessern», sagt Schmid.

Eine Gratwanderung

Er macht aber auch gleichzeitig darauf aufmerksam, dass Verpackungen verschiedene Ziele erfüllen müssten: In erster Linie solle eine Verpackung den Inhalt haltbar machen, sie müsse aber auch einfach zu transportieren sein und sich in den Gestellen gut präsentieren lassen. «Es sind also verschiedene Ansprüche, die wir an eine Verpackung haben. Und das ist stets eine Gratwanderung», resümiert der Coop-Sprecher.

Mehr als die Hälfte aller Verpackungen sind heute aus Kunststoff. Allein in der Schweiz erreicht die Branche einen Umsatz von 3,3 Milliarden Franken. Das ist 10 Mal mehr als mit anderen Verpackungsmaterialien. Dass sich diese Verpackungen oft nur schwer öffnen lassen, hat aber auch mit dem Preis zu tun, den die Produkthersteller für die Verpackung zu zahlen bereit sind. In den Entwicklungslabors der Kunststofffolienhersteller schlummern Verschweisstechniken und Verschlusslösungen, die für den Konsumenten weit einfacher zu handhaben wären.

Gefürchteter Aufpreis

Warum setzen sich solche Verpackungen nicht durch? «Ganz einfach: Solche Folien haben natürlich mehr Funktionen, das heisst, sie sind auch etwas teurer», erklärt Carolin Grimbacher, Geschäftsführerin von Südpack GmbH. Die Firma im süddeutschen Ochsenhausen gehört zu den grössten Folienherstellern in Europa. Der Aufpreis bewege sich zwar nur im Centbereich, hält die Verpackungsspezialistin fest, im Detailhandel werde heute aber um jeden Rappen gefeilscht.

Umstrittene Biokunststoffe

Die Gründe, weshalb Produkte in Plastik verpackt werden, sind vielfältig. Früchte und Gemüse werden zum Beispiel in Plastikverpackungen gehüllt, um länger haltbar gemacht zu werden. Andere, überdimensionale und schwer zu öffnende Verpackungen aus hartem Plastik sollen Diebstahl verhindern. Manche Verpackungen aus Kunststoff lassen sich rezyklieren, wie zum Beispiel PET. Anderes landet im Abfall und wird verbrannt. Dies muss laut Experten jedoch nicht umweltschädlicher sein als die Wiederverwertung. Diese ist im Fall von Plastik nämlich äusserst aufwändig. Eine Alternative sind sogenannte Biokunststoffe. Auch hier ist allerdings die Umweltverträglichkeit umstritten. Der Grossverteiler Coop zum Beispiel verzichtet im Gegensatz zum Konkurrenten Migros deshalb komplett auf die abbaubaren Werkstoffe.