Datteln: Palästinenser schuften für ihre Besatzer

Fast die Hälfte der in der Schweiz verkauften Datteln stammt aus Israel. Israelische Firmen besitzen Plantagen in den besetzten Gebieten und nützen dort Palästinenser als billige Arbeitskräfte aus. «Kassensturz» weiss: Auch Schweizer Händler verkaufen Datteln von fragwürdigen Lieferanten.

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Datteln: Palästinenser schuften für ihre Besatzer

12 min, aus Kassensturz vom 22.12.2009

Wer ins Jordan Tal fährt, muss einen Checkpoint der israelischen Armee passieren. Das Jordan Tal liegt in der West Bank – ein Gebiet, das seit 1967 von Israel besetzt ist. Mit der Besiedlung der Westbank verstösst Israel gegen völkerrechtliche Bestimmungen. «Kassensturz» besucht eine der vielen Dattelplantagen im Jordantal. Das Klima ist heiss und trocken. Ideal für Dattelpalmen.

33 Franken pro Tag

Im Kibbutz Gilgal nördlich von Jericho, mitten in der besetzten Westbank, können wir filmen. Auf Hebebühnen ernten palästinensische Arbeiter die reifen Früchte. Nylonnetze schützen die Datteln vor Ungeziefer. Die Arbeit ist hart und schlecht bezahlt. Die Arbeiter geben nur anonym Auskunft, weil es nach Interviews schon zu Entlassungen kam. Ein Arbeiter sagt, er verdiene 120 Shekel am Tag, 10 pro Stunde. 120 Shekel sind umgerechnet 33 Schweizer Franken. Fast alle Männer, die in den palästinensischen Dörfern der Gegend wohnen, arbeiten als Tagelöhner in den Dattelhainen.

Salwa Alenat kennt die Arbeitsbedingungen in den Dattelhainen gut. Die Palästinenserin ist Vertreterin einer israelischen Arbeitsrechtsorganisation, die sich für die Rechte palästinensischer Arbeiter bei Arbeitskonflikten einsetzt. Sie bezeichnet die Arbeitsbedingungen der palästinensischen Arbeiter im Jordantal als schlecht. «Laut einem Entscheid des obersten israelischen Gerichtes von 2007 unterstehen sie dem israelischen Arbeitsgesetz. Doch auf den Plantagen wird das Arbeitsrecht nicht durchgesetzt.» Die Arbeiter würden weniger als das Minimum verdienen – zwischen 50 und 80 Shekel pro Tag. Das sei ein Drittel oder die Hälfte des Mindestlohnes, sagt Salwa Alenat.

Die Schweiz importiert pro Jahr 2000 Tonnen Datteln. Ein Drittel davon stammte letztes Jahr aus Israel. Das Problem: Im Laden sehen Konsumenten lediglich «Made in Israel» auf der Dattelpackung. Sie wissen nicht, ob Datteln in Israel selber oder in Siedlungen im besetzten Gebiet gewachsen sind. Das sind die Gebiete, in denen Datteln wachsen: Arava im Süden von Israel, in der Negev-Wüste. Von dort sollen die Datteln stammen, die Migros und Coop verkaufen. Ein weiteres Anbaugebiet liegt im Norden von Israel, in der Gegend von Beit She'an. Doch: Viele Dattelplantagen finden sich auch im Jordantal, in der von Israel völkerrechtswidrig besetzten Westbank.

Unsauber deklariert

Datteln aus der Westbank von israelischen Siedlungen: Solche Früchte wollen Coop und Migros nicht verkaufen. Beide Detailhändler verlangen, dass ihre Datteln nicht aus der Westbank, sondern aus Israel selber stammen. Migros-Mediensprecher Urs-Peter Naef: «Wir fordern, dass wir genau wissen, woher die Datteln kommen. Wir fordern, dass die aus Israel kommen und das wird uns auch immer bestätigt.»

Das stellt Dalit Baum von der israelischen Organisation Who Profits (Wer profitiert) in Frage: Sie sagt, israelische Firmen würden die Herkunft landwirtschaftlicher Produkte oft nicht sauber deklarieren. Dalit Baum: «Wenn sie Datteln in Europa als ‹Made in Israel› verkaufen, betrügen sie einerseits die europäischen Zollbehörden, da sie Zoll bezahlen müssten, wenn das Produkt nicht in Israel selber hergestellt wurde.» Anderseits würden sie europäische Konsumenten betrügen, die israelische Siedler in dieser Gegend nicht unterstützen möchten und die Art, wie sie Land und Ressourcen behandeln, die nicht ihnen gehören.

Datteln, die von israelischen Firmen in der Westbank hergestellt und exportiert werden, müssen verzollt werden. Sie fallen nicht unter das Zollfreihandelsabkommen zwischen Israel und der Schweiz. Who Profits erhebt einen weiteren Vorwurf: Dattelfirmen würden Datteln aus Israel mit Datteln aus Siedlungen in der besetzten Westbank mischen. Dalit Baum: «Sie machen das folgendermassen: Sie exportieren diese Datteln zusammen mit Datteln aus anderen Regionen in Israel/Palästina. Die Verpackungsfirmen können woanders sein. Angeschrieben werden die Datteln als ‹Made in Israel›. Aber das ist natürlich eine Lüge, denn sie sind eben nicht ‹Made in Israel›.»

Grossverteiler unzufrieden

Auch Hadiklaim hat Who Profits im Visier. Das ist diejenige Firma, die Migros und Coop beliefert. Who Profits verdächtigt Hadiklaim, Datteln aus Israel mit Datteln aus den Siedlungen zu mischen. Tatsache ist: Nur etwa 80 Prozent der Datteln produziert Hadiklaim laut eigenen Angaben in Israel. Und der Rest? Hadiklaim will dazu vor der Kamera keine Stellung nehmen. Die Firma schreibt «Kassensturz» mit Nachdruck, dass sie unter keinen Umständen Datteln vermische und keine Datteln aus besetztem Gebiet in die Schweiz liefere.

Doch ein Dokument beweist, dass Hadiklaim Datteln, die für Coop bestimmt waren, zumindest in der Westbank verpackt hat. Aufgrund von «Kassensturz»-Recherchen hat Hadiklaim dies Coop gegenüber zugegeben: «Aufgrund der engen Lieferfristen in dieser Saison haben wir einen Teil der sortierten Früchte ins Tomer Packing House zum Verpacken gebracht.» Die Karte zeigt: Das Tomer Packing House liegt in der Westbank. Datteln, die im besetzten Gebiet verpackt wurden. Coop nimmt Stellung: «Das ist uns nicht gleich», sagt Nicolas Schmied von Coop. «Wir werden im Januar nach Israel reisen und uns dort ganz genau die verschiedenen Produktionsschritte erläutern lassen.» Falls rauskomme, dass dort nicht nur Datteln abgepackt, sondern auch vermischt werden, dann wäre das ein Vertrauensmissbrauch, den Coop nicht akzeptieren könne.

Die «Kassensturz»-Recherchen haben auch Migros aufgerüttelt: Sélection-Datteln wurden ebenfalls im Tomer Packing House für den Export bereit gemacht. Urs-Peter Naef von Migros: «Es ist nicht das, was abgemacht ist. Wir haben das erfahren und das ist einer der Punkte, die wir besprechen müssen.» Datteln aus besetztem Gebiet kommen für beide Grossverteiler nicht in Frage.