«Gehirnwäsche» statt Ausflug zum Rheinfall

Die dubiosen «Sie haben gewonnen»-Werbefahrten gehen trotz Verbot weiter. Versprochen werden 3000 Franken und ein Ausflug an den Rheinfall. Stattdessen müssen die Teilnehmer stundenlang raffinierte Verkausmonologe anhören. Ein Augenschein.

Werbefahrten gehen trotz Verbot weiter

Bildlegende: Werbefahrten gehen trotz Verbot weiter SRF

«Espresso» begleitet die 83-jährige Hörerin Yvonne Härry auf einer gratis Carfahrt. Die Einladung der Firma «Vilsana Marketing »klingt vielversprechend: Ein kostenloses Mittagessen am Rheinfall und 3000 Franken, welche angeblich zur Auszahlung bereit stehen. Eins vorweg: Der Kaffee ist auf Kaffeefahrten nicht gratis, und auch sonst wird einem nur sehr wenig geschenkt.

Kurz vor der Abreise ist Yvonne Härry aus Adliswil vorsichtig optimistisch: «Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass alle Carinsassen 3000 Franken gewonnen haben. Aber man kann ja nie wissen.» In Begleitung des «Espresso»-Redaktors steigt die Dame am frühen Morgen in den Car. Obwohl in der Einladung nichts davon steht, ist beiden klar, dass sie unterwegs zu einer Verkaufsveranstaltung sind. In Zürich steigen weitere Personen zu, der Car nimmt Kurs Richtung Ostschweiz.

Kurzfristige Routenänderung

Schon bald informiert der Chauffeur des neutral beschrifteten Cars seine Passagiere über das neue Ziel: Das Restaurant «Zum weissen Schäfli» in Arbon. In dessen Säli verbringt die Gruppe anschliessend 6 Stunden und lässt Produktpräsentationen über sich ergehen. Vorgestellt werden Matratzenauflagen, Pfannen und Reisen. Dazwischen gibt es das versprochene Mittagessen. Einen salzigen Hackbraten mit Rotkraut. Dazu Kartoffelstock, oder ist es Couscous? Polenta, präzisiert später der Wirt.

3000 Franken für niemanden

Die in der Einladung erwähnten 3000 Franken in bar werden am Schluss der Verkaufsveranstaltung in Form eines Rubel Los «abgegeben». Solche Lose gibt es für einen Franken an jedem Kiosk. Nur wer viel Glück hat gewinnt mehr als tausend Franken. In der Gruppe von Yvonne Härry gewinnt niemand. Die 83 jährige beobachtet, dass im Publikum auch Gäste sind, die einfach froh sind, mal einen Tag verreisen zu können und gemeinsam mit anderen Essen zu können.

Raffinierte Verkäufer - enttäuschte Gäste

Die Verkäufer, allesamt aus Deutschland, verstehen ihr Hand- und Mundwerk. Sie sprechen die potentiellen Kunden emotional an («Geben Sie uns Jungen doch auch einmal eine Chance!»), verknappen das Angebot («Nur solange Vorrat») und lassen munter die (Fantasie-)Preise purzeln. Einige Teilnehmer bezeichnen die Veranstaltung als «Gehirnwäsche». Besonders fragwürdig: Für die Vertragsunterzeichnung werden die Gäste in einen Nebenraum geführt für Einzelgespräch. Ein bekannte Masche: So wird der Druck auf den Einzelnen erhöht, die Kontrolle durch die anderen Teilnehmer ist nicht mehr vorhanden.

Ermattet sitzen die Gäste im Car.  Die Erleichterung ist spürbar als die Verkaufsveranstaltung endlich beendet ist. Dieser fährt auf direktem Weg wieder direkt zurück zu den Einsteigeorten. Der von «Vilsana» versprochene Ausflug an den Rheinfall wurde definitiv zum Reinfall, nicht nur für Yvonne Härry.