Kaputte Geräte: Branche verweigert Reparatur

Selbst teure, fast neue TV-Geräte, Drucker oder Kameras können Kunden oft nicht mehr reparieren lassen, wenn sie defekt sind. Händler verlangen so unverschämt viel, dass sich eine Reparatur meist nicht mehr lohnt. Noch ärgerlicher: Hersteller liefern immer häufiger gar keine Ersatzteile mehr.

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Branche verweigert die Reparatur

6:33 min, aus Kassensturz vom 9.2.2010

Familie Lingua kann seit Monaten nur auf einem Ersatzgerät Filme schauen. Dabei hat die Familie extra ein Fernsehzimmer eingerichtet. Dort steht ein flacher Philips-Fernseher, Listenpreis 5000 Franken. Das Gerät, keine vier Jahr alt, gab den Geist auf. Sacha Lingua brachte seinen kaputten Fernseher zum Fachhändler. Dieser meldete sich später mit einer guten und einer schlechten Nachricht: Das kaputte Teil sei nicht so teuer, es koste zirka 180 Franken. Aber: Man könne es nicht mehr austauschen, die Ersatzteile seien leider nicht mehr verfügbar. Philips Schweiz schreibt: Im Regelfall seien Ersatzteile für vierjährige Geräte noch lieferbar. Es könne aber vorkommen, dass nach Ablauf der Garantie Ersatzteile ausgehen.

Zum Wegwerfen verdammt

Das Problem der fehlenden Ersatzteile kennt auch Heinz Richner. Der unabhängige Fachhändler arbeitet seit über 40 Jahren in der Branche. Früher konnte er in seiner Werkstatt fast alle Geräte selbst reparieren. Heute oft nicht mehr. Heinz Richner: «Das wird in nächster Zukunft immer mehr der Fall sein. Die Hersteller haben nur ein Interesse: Verkaufen, nicht reparieren.» Der Kunde werde seinem Schicksal überlassen.

Sacha Lingua erhielt von Philips eine Austauschofferte. Ähnliche Geräte mit gleicher Grösse kosten heute nur noch knapp 1000 Franken. Aber Sascha Lingua will nicht schon wieder einen neuen Fernseher kaufen: «Ich möchte eigentlich kein Wegwerf-Konsument sein, etwas anschaffen und nach 3 Jahren bereits wieder fortwerfen oder entsorgen.»

Die Firma Sertronics in Spreitenbach ist der grösste Reparaturbetrieb der Schweiz. Dort landen im Jahr 130'000 defekte Geräte. Im letzten Jahr reparierte Sertronics auch 24'000 TV-Geräte. Geschäftsleitungsmitglied Bruno Hug stellt fest, es wird je länger, je weniger repariert. Während der Garantiephase würden die meisten Geräte repariert. In diesem Fall trage der Hersteller die Kosten. «Nach Abauf der Garantie müsste hingegen der Konsument die Reparaturkosten tragen. Hier wird es schwieriger. Der Verfall der Gerätepreise war in den letzten Jahren enorm. Mit den Schweizer Arbeitskosten ist man so schnell auf dem Preisniveau neuer Geräte», sagt Hug.

Teurer als ein neues Gerät

Reparieren lohnt sich oft nicht mehr, diese Erfahrung machte auch Blasius Hess. Vor etwas mehr als einem Jahr kaufte er einen Drucker der Marke Brother für 169 Franken bei Dataquest. Kurz nach Ablauf der Garantie druckte das Gerät nur noch grün. Der Pensionär brachte den Drucker zu Dataquest. Schon bald folgte die Reparatur-Offerte. Blasius Hess: «Ich dachte, die haben Fasnacht. Die schickten mir eine Offerte, der Drucker koste 429 Franken zum Reparieren. Das ist zweieinhalb Mal soviel wie der Neupreis.»

Das liess sich Blasius Hess nicht bieten. Er wollte seinen kaputten Drucker wieder abholen und woanders günstiger reparieren lassen. Aber: Für den Kostenvoranschlag und das Wiederzusammenbauen des kaputten Druckers verlangte Dataquest eine Pauschale von 176 Franken. Das ist mehr als der Kaufpreis.

Viel günstiger wäre da ein neues Gerät. Dataquest offerierte Blasius Hess einen Drucker zum Spezialpreis. Doch er will nicht schon wieder einen neuen Drucker kaufen. Blasius Hess: «Nach etwas über einem Jahr bereits wieder ein neues Produkt kaufen und das alte entsorgen, das kann ich nicht akzeptieren. Wir produzieren sonst schon zu viel Abfall.»

Zwangskonsum als System

Mit der Wegwerfgesellschaft befasst sich Fachbuchautor Franz Hochstrasser seit 25 Jahren. Dass man Geräte immer seltener repariert, hat für ihn System: Die Konsumenten müssen häufiger Ersatz kaufen, obwohl sie gar nichts Neues wünschen. Das sei eine Art Zwangskonsum. Franz Hochstrasser: «Wir leben in Zeiten der Überproduktion. Da muss man sich überlegen, wie man die Produkte an den Mann bringt. Eine Möglichkeit ist nun Geräte herzustellen, die nicht mehr reparierbar sind.» Und dann gebe es ausserdem noch die Möglichkeit, Geräte künstlich zu veraltern. So würden die Produkte weniger lang halten. Das schaffe Platz für Neuanschaffungen, ergänzt Hochstrasser.