Nespresso und Co.: Zuerst anlocken, dann absahnen

Wer einmal eine Nespresso-Maschine gekauft hat, muss den dazugehörigen Kapseln die Treue halten. Etwas anderes passt nicht in die Maschine. Mit den teuren Kaffeekapseln macht Nestlé fette Gewinne. Das bringt die Konkurrenz auf den Geschmack: Migros bietet ab November ein Nachahmerprodukt an.

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Nespresso und Co.: Zuerst anlocken, dann absahnen

10 min, aus Kassensturz vom 28.9.2004

Die Nestlé-Tochter Nespresso hat mit ihrem Portionenkaffeesystem eine Trend geschaffen. Bereits in jedem zehnten Deutschschweizer Haushalt steht heute eine Nespresso-Maschine. Im vergangenen Jahr machte Nespresso einen Umsatz von 450 Millionen Franken. Die jährliche Wachstumsrate des Ende der 80iger Jahre lancierten Kaffeesystems beträgt fast 30 Prozent. Nespresso-Trinker schwärmen von den bunten Kapseln samt dazugehöriger Kaffeemaschine: "Die Maschine hat ein tolles Design, braucht nicht viel Platz, und die Kaffeequalität ist top", sagt Nespresso-Kunde Peter-Althaus.

Kein Recycling in anderen Ländern

Doch der edle Portionenkaffee hat auch seine Kehrseiten: Die rund vier Millionen Kapseln, die täglich im Nespresso-Werk in Orbes entstehen, sind aus Aluminium. Nespresso bietet zwar ein Recycling an; laut eigenen Angaben werden in der Schweiz mehr als 50 Prozent der Kapseln wiederverwertet. Doch der Grossteil, rund 90 Prozent, wird ins Ausland verkauft. Über die Rücklaufquote im Ausland ist wenig bekannt. In Holland und Deutschland gebe es zwar Systeme für die gebrauchten Kapseln. „Doch es stimmt: In anderen Ländern wird nicht recyclet“, sagt Marc-Alain Dubois, Chef von Nespresso Schweiz.

Für Nestlé sind die Kapseln eine Goldgrube. Wer einmal eine Nespresso-Maschine erstanden hat, muss Nachschub kaufen – egal zu welchem Preis: 45 Rappen kostet die Kapsel. Hochgerechnet bezahlt der Kunde 60 Franken pro Kilo Kaffee. Da nur Nespresso-Kapseln in die Maschine passen, kann sich der Kunde nicht nach günstigeren Alternativen umsehen, sondern bleibt gefangen im Nespresso-Sytem. Experten schätzen die Marge pro Kapsel auf 30 Rappen. Nespresso-Kapseln gibt es nur in auserlesenen Boutiquen und per günstigem Direktvertrieb. Dafür ist die Marge absurd hoch

Davon haben die Kaffee-Bauern wenig: Von den teuren 45 Rappen, die der Konsument pro Kapsel bezahlt, erhält der Bauer nur 0,7 Rappen. Nestlé behauptet, ihre Bauern verdienen gut mit dem Kaffeeverkauf: „Um die Qualität zu gewährleisten, kaufen wir den teuersten Kaffee der Welt, und ich kann Ihnen garantieren, dass die Bauern, die uns beliefern, dementsprechend gut verdienen“, sagt Nespresso-Chef Dubois. Zwar zahlt Nestlé den Bauern für Kaffee etwas mehr als andere Zwischenhändler. Doch: "Nestlé oder Nespresso müsssten einmal nachweisen, in welchen Gegenden und welchen Bauern sie soviel bezahlen, damit man das von neutralen Personen überprüfen lassen könnte", sagt Max Leuzinger, Kaffee-Experte von Max Havelaar. Schon ein Rappen mehr würde den Kaffeebauern sehr helfen.

Migros mit Nachahmersystem

Dass mit Kaffeekapsel gutes Geld zu machen ist, hat auch die Konkurrenz gemerkt. Die Migros bringt anfangs November mit Delizio ein Nachahmersystem auf den Markt. Die Migros-Kapseln werden voraussichtlich zehn Rappen günstiger sein als jene von Nespresso. "Wir haben zudem einen Max-Havelaar-Kaffee aus ethisch vertretbarem Handel, und die Kapseln sind nicht aus Aluminium, sondern aus Polyethylen", sagt Jörg Brun, Marketingchef Food bei der Migros

Coop will ebenfalls ins Kaffeekapselgeschäft einsteigen: Die Marketing-Experten evaluieren derzeit verschiedene Systeme, unter anderem Tassimo von KraftFoods, das in Frankreich seit Juni verkauft wird. Eines haben alle drei Kaffeekapselsyteme gemeinsam: Wer sich für eines entscheidet, bleibt darin gefangen und muss den Nachschub zwingend beim entsprechenden Anbieter kaufen.