Warum weniger Schweizer Wein getrunken wird

In der Schweiz wird immer weniger Wein konsumiert. Dieser Rückgang geht vor allem zulasten der inländischen Weine. Im Jahr 2012 wurde erstmals weniger als eine Million Hektoliter Schweizer Weine getrunken. «Espresso» fragt einen Weinexperten, weshalb Schweizer Weine einen so schweren Stand haben.

Schweizer Wein

Bildlegende: Im Welschland wird mehr Schweizer Wein getrunken. Keystone

Im Jahr 2012 wurden beispielsweise im Vergleich zum Weinjahr 99/00 30 Prozent weniger Schweizer Weisswein und 14 Prozent weniger Schweizer Rotwein getrunken.

Erstaunlich an diesem Rückgang ist, dass die Schweizer Winzer in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht haben. Sie arbeiten innovativ, setzen auf Qualität statt Quantität und heimsen für ihre Produkte auch regelmässig Preise ein.

«Espresso»: Die Schweizer Winzer sind innovativ, dennoch wird ihr Wein immer weniger getrunken. Machen die Winzer etwas falsch?

Andreas Keller: Das glaube ich eigentlich nicht. Die Schweizer Winzer können mit ihrem Wein beweisen, dass sie es schon richtig machen. Aber der Konsument legt sich darüber keine Rechenschaft ab, weil er sich zu wenig für die Schweizer Weinszene interessiert.

«Espresso»: Liegt es am Preis? Stimmt im Vergleich mit ausländischen Weinen das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht?

Andreas Keller.

Bildlegende: Andreas Keller. Siffert/weinweltfoto.ch

Keller: Im absoluten Billigbereich ist das Ausland natürlich unschlagbar. Sie können in der Schweiz nicht so billig – ich sage bewusst «billig» – produzieren, wohl aber preiswert. Beim Schweizer Lohnniveau und der Schweizer Topografie - denken Sie an die steilen Rebberge im Wallis und in der Waadt – ist man natürlich bei anderen Ansätzen. So kostet ein Schweizer Wein mittlerweile eher gegen 20 Franken pro Flasche, teilweise auch mehr. Es gibt aber, gerade in der Westschweiz, nach wie vor gute Weine für 12 bis 15 Franken.

«Espresso»: Wenn man sich in der Schweizer Winzerszene umschaut, trifft man auf junge, innovative Winzer. In vielen Köpfen ist aber noch der Ruf vom sauren Schweizer Wein, von der Massenware verankert. Liegt es also am Image?

Keller: Ja. Ich glaube das liegt vor allem daran, dass der Schweizer Konsument mit dem eigenen Land nicht unbedingt «Genuss» verbindet. Deshalb denkt er beim Essen im Restaurant oder zuhause nicht daran, einen Schweizer Wein zu trinken. Kommt hinzu, dass Wein sehr stark regional verwurzelt ist und zur entsprechenden Küche passt. Ein Beispiel: Viele Leute essen gerne italienisch. Und dann erinnern sie sich an die Ferien in Italien und nehmen eher einen italienischen Wein hervor. Um einen solchen Zusammenhang zu schaffen, wäre in der Schweiz letztlich nicht nur die Weinbranche, sondern auch die Tourismusbranche gefordert. Beim Wallis stimmt das zum Teil: Zum Raclette wird man wohl kaum einen Italiener oder Franzosen trinken.

«Espresso»: Sie, Andreas Keller fördern selber Schweizer Wein. Sie organisieren beispielsweise den «Tag der offenen Weinkeller». Läuft beim Marketing unter dem Strich noch zu wenig?

Keller: Das Problem ist hier vor allem, dass die Schweiz beim Wein lange im Kantönligeist verhaftet blieb. Die Weinschweiz ist ja in sechs Regionen eingeteilt: Wallis, Waadt, Genf, Drei Seen, Deutschschweiz, und Tessin. Vor allem dort, wo die Weinregionen gleichzeitig Kantone sind, gab es immer Eifersüchteleien. Die haben lange Zeit nicht gerne zusammengearbeitet. Für ein erfolgreiches Ländermarketing müssen sie aber ganz klar zusammenarbeiten. Die Schweiz muss als Gesamt-Weinland auftreten, sonst bringt sie nie eine Image-Steigerung zustande.

«Espresso»: Als Weinjournalist haben Sie über Schweizer Weine geschrieben, als bei diesem Thema die meisten noch die Nase rümpften. Was ist in den vergangenen Jahrzehnten beim Schweizer Wein passiert?

Keller: In den 80er-Jahren passierte der grosse Umbruch. Vielleicht mögen Sie sich noch an die Weinschwemme erinnern, als Schwimmbecken mit Wein gefüllt wurden, was natürlich nicht zur Image-Steigerung beitrug. Die Winzer haben daraus radikal ihre Lehren gezogen, auch die Gesetze wurden verschärft. Man wusste, dass man nur Qualität erzeugen konnte, wenn man die Erträge herunterfuhr. Mittlerweile ist man, gerade auch in der Deutschschweiz, bei sehr tiefen Erträgen, was konzentriertere Weine ergibt. Deshalb ist es mit den sogenannt «sauren» Weinen längst vorbei. Wobei die früheren Weine gar nicht speziell sauer waren. Sie hatten lediglich zu wenig Gehalt. Ein Wein ohne Säure ist nämlich schal und macht überhaupt keinen Spass.

«Espresso»: Kann man sagen: Wer sucht, findet inzwischen in jeder Region der Schweiz einen guten bis sehr guten Tropfen?

Keller: Das würde ich hundertprozentig unterschreiben. Sogar in Kantonen, die nicht speziell bekannt sind für Weine, wie zum Beispiel Solothurn oder sogar Uri, Ob- und Nidwalden. Es gibt eigentlich keinen Kanton mehr, wo man nicht ein wenig Wein macht. Dann gibt es natürlich richtige Hochburgen in der Schweiz, die überdurchschnittliche Produkte haben und dies auch immer in einer gewissen Breite. Dazu gehören - vom Bündnerland, über das Tessin und Wallis bis zur Waadt - vor allem die Kantone am Südrand der Schweiz. Aber auch die Deutschschweiz als Ganzes hat mit dem Pinot Noir gewaltige Fortschritte gemacht. Sie steht damit meiner Ansicht nach ganz vorne in der Schweiz. Vielleicht nicht zuletzt auch deshalb, weil sich das Klima gewandelt hat.