Wenn sich zwei streiten, hilft der Mediator

Ob unter Nachbarn, Erben oder Teammitgliedern: Kommt man in einem Konflikt nicht weiter, kann ein externer Vermittler helfen. «Espresso» zeigt am Beispiel eines Nachbarschafts-Streits, wie eine Mediation abläuft.

Natürlich kann man in einem Konflikt streiten, bis die Fetzen oder Fäuste fliegen oder einer mit rechtlichen Schritten droht.

Mediatoren wie der Luzerner Paul von Moos führen Konfliktparteien jedoch auf einen anderen Weg, denn: «Geht man vor Gericht, gibt es in der Regel einen Gewinner und einen Verlierer. Bei der Mediation dagegen wollen die Leute selbst eine Lösung kreieren – nach ihren eigenen Fairness-Kriterien.»

Ein Beispiel: Zwei Nachbarn streiten sich, weil die Hecke des einen zu hoch und zu nahe an der Grundstücksgrenze ist. Weil die beiden weiterhin nebeneinander wohnen und eigentlich ihre Ruhe wollen, einigen sie sich auf eine Mediation. Diese läuft wie folgt ab:

Schritt 1: Mediationsvereinbarung

Die Parteien machen sich mit den Regeln der Mediation (siehe unten) vertraut. Sie klären mit dem Mediator den Auftrag und das Honorar. Die Vereinbarung wird in einem Mediationsvertrag festgehalten.
Die Nachbarn einigen sich darauf, je die Hälfte der Kosten zu übernehmen.

Schritt 2: Informations- und Themensammlung

Der Mediator sammelt die Themen der Beteiligten und klärt, über welche verhandelt werden kann.
In unserem Nachbarschafts-Streit zeigt sich hier, dass es nicht nur um die Hecke geht, sondern auch um einen Kirschbaum, dessen Äste auf das Nachbargrundstück hinüberragen.

Schritt 3: Bedürfnisse und Interessen klären

Die Konfliktparteien legen ihre Standpunkte dar. Der Mediator will in Erfahrung bringen, welche Bedürfnisse und Interessen hinter einer Position stehen. Weil das meist mehrere Bedürfnisse sind, ergeben sich so auch mehr Ansatzpunkte für Lösungen.
Der eine Nachbar mit der hohen Hecke hat ein Bedürfnis nach Abgeschiedenheit, der andere will Aussicht auf die Landschaft und mehr Sonne im Garten.

Schritt 4: Lösungsmöglichkeiten suchen

Die Parteien suchen Ideen, wie die Bedürfnisse befriedigt werden können. Der Mediator sammelt die Ideen.
Der Nachbar mit der hohen Hecke bietet eine andere Lösung an, damit sein Nachbar zu Sonne und Aussicht kommt. Dieser kann seinerseits ein Angebot machen.

Schritt 5: Optionen bewerten und auswählen

Der Mediator klärt, welche Lösungsmöglichkeiten die Parteien weiterverfolgen und konkretisieren wollen. «Danach können die Parteien im Idealfall aus zwei, drei Lösungen auswählen, welche sie umsetzen wollen.»

Schritt 6: Vereinbarung

Das Ziel der Mediation ist meist eine schriftliche Vereinbarung, ein Vertrag. Die Parteien können aber auch darauf verzichten und es bei einer mündlichen Vereinbarung belassen.

Drei bis fünf Sitzungen

Wie lange dauert eine Mediation? «Diese Frage kommt praktisch immer, ich kann sie jedoch nicht pauschal beantworten», sagt Mediator Paul von Moos. Das hänge vom Konflikt, der Komplexität, der Zahl der Themen und der Dynamik in der Mediation ab. «Müsste ich einen Durchschnitt nennen, würde ich sagen: zwischen drei und sechs Sitzungen à 90 Minuten.»

Der Schweizerische Dachverband Mediation (SDM) schreibt, ein Grossteil der Mediationen daure zwei bis fünf Sitzungen. Die Stundenansätze liegen laut SDM zwischen 150 bis 300 Franken.

Wichtigste Regeln der Mediation

Die wichtigsten Regeln der Mediation fasst der Dachverband SDM so zusammen:

  • Vertraulichkeit: Beteiligte und der Mediator oder die Mediatorin verpflichten sich zu Stillschweigen über den Inhalt der Gespräche.
  • Offenheit: Wichtige Informationen sollen offengelegt werden.
  • Selbstbestimmung: Der Mediator hat keine Entscheidungs-Kompetenz in der Sache.
  • Verletzungen vermeiden: Unterbrechungen, Beschimpfungen etc. sind hinderlich für den Prozess.
  • Neutralität des Mediators: Der Mediator darf keine eigenen Interessen im Fall haben und keine Partei bevorzugen.
  • Freiwilligkeit: Ein Abbruch der Verhandlungen ist jederzeit möglich, wenn eine Partei (inkl. Mediator) keinen Sinn mehr darin sieht.

Teil 2

Wie Mediatoren ausgebildet werden, hören Sie in Teil 2.