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Multimedia Teil 3: «Honey, you’re my only hope now!»

Auf Singleplattformen und in sozialen Netzwerken machen Romantik-Betrüger Jagd auf Ahnungslose, die sich von deren Treuschwüren und Liebesgedichten einlullen und später ausnehmen lassen. Doch Online-Lover Taylor ist an die Falsche geraten: Die Autorin hat den Spiess umgedreht.

Computermaus in Herzform
Legende: Auch nach 72 Stunden unermüdlichem Einsatz gibt der Liebes-Betrüger immer noch alles Colourbox

Tag 21 der Liebesgeschichte. Taylor ist seit 72 Stunden in Malaysia und gibt immer noch alles. Nach wie vor steht er nachts um drei Uhr auf, um mit mir zu chatten. Jeden Morgen ist mein E-Mailkonto um ein Liebesgedicht reicher. Und er scheint um meiner Willen wirklich alle Hebel in Bewegung zu setzen: Weil er ohne mich nicht mehr sein könne, habe er doppelt so viele Baumaschinen gemietet, damit er bereits in vier statt acht Wochen in die Schweiz reisen könne. Das muss wahre Liebe sein!

Taylor ist definitiv kein Rechen-Genie

Doch leider sollte diese Liebe nun auf die Probe gestellt werden. Am 25. Oktober erreicht mich ein verzweifeltes Mail: Die malaysische Steuerbehörde verlange von Taylor, einen Teil der Steuern im Voraus zu bezahlen – genau gesagt 8000 Dollar. Vorher dürfe er seine Arbeit nicht beginnen. Wie sich diese Zahl zusammensetzt, erklärt er genauestens (siehe Box). 7000 Dollar habe er auftreiben können, doch leider funktioniere seine Kreditkarte irgendwie nicht. Aber eigentlich wolle er mir vor allem sagen, wie sehr er mich liebt.

Mail von Taylor vom 25. Oktober

Hallo Honey

Hoffe, es geht dir gut. Der heutige Tag war sehr hart für mich. Es regnete und ich wurde von der malaysischen Steuerbehörde aufgefordert, meine Arbeit niederzulegen. Sie sagen, als ein ausländischer Ingenieur hätte ich die Steuern im Voraus zu bezahlen. Sie beschlagnahmten meine Ausrüstung und informierten mich, dass ich erst mit der Arbeit beginnen könne, wenn ich die Steuern bezahlt habe. Sie teilten mir mit, die Steuern betrügen 0,5 %  des Auftragsvolumens, was 28‘000 $  (achtundzwanzigtausend Dollars) entspricht. 7000 $ konnte ich bezahlen, aber sie wollen 8000 $, dann kann ich morgen mit der Arbeit beginnen.

Ich weiss nicht, was tun und bin wirklich gestresst. Aber egal. Das ist nicht der Hauptgrund für mein E-Mail an dich. Ich wollte dich nur daran erinnern, wie sehr ich dich liebe. Und ich wünsche mir so sehr, du könntest jetzt hier bei mir sein, mich lieben, mich küssen, mich ganz fest halten und mich nie wieder loslassen. Honey, bitte warte auf mich, ok? Ich liebe dich so sehr. Ich werde dich niemals gehen lassen, solange ich lebe. Und ich werde dich niemals anschreien. Ich werde dich mit dem letzten Blut in meinen Adern lieben. Ich liebe dich mit jeder Faser meins Seins, wenn ich deine Seele heiraten könnte, würde ich es tun. Jeder Tag ohne dich ist ein Kampf. Wenn ich alle Kräfte der Welt beschwören könnte, um meine Liebe auf dich zu übertragen – physisch und spirituell – ich würde es tun. Du bist mein Ein und Alles. Ich liebe dich so sehr, Honey. Kiss!

Nebenbei bemerkt: Es ist ja schon traurig, dass der Brite mit seinem Englisch massenweise Grammatikfehler produziert. Aber dass er als Ingenieur scheinbar überhaupt nicht rechnen kann, gibt mir doch zu denken. Zuerst verrechnete er sich in der Flugzeit (siehe Teil 2) und jetzt das: In einem früheren Mail erzählte er mir, dass der Auftrag 1,4 Millionen Dollar einbringen werde. Wenn der Steuersatz 0,5 Prozent beträgt, dann sind das nicht 28‘000 Dollar, sondern lediglich 7000 Dollar. Und die hat er ja! Also bitte, Taylor. Ein Bisschen mehr Mühe hättest du dir schon geben können! Aber wir wollen einmal darüber hinwegsehen. Schliesslich wird’s jetzt erst spannend!

Jetzt weint er schon wieder

Abends im Chat erklärte er mir die Situation dann noch einmal ausführlich und machte mir deutlich, dass er wirklich, wirklich sehr verzweifelt sei. Er weine schon den ganzen Tag, denn schliesslich wolle er doch zu mir und könne nicht vorwärts machen.

Ich: «Bitte weine nicht. Kannst du deiner Bank in England nicht einen Express-Auftrag erteilen? Das sollte doch schnell gehen.»

Er: «Sie sagten mir, ich müsse eine Woche warten. Oh mein Gott, ich werde wahnsinnig, Honey. Ich kann keinen Tag länger warten, dich zu sehen. Ich weiss nicht woher ich das Geld nehmen soll.»

Ich: «Nächste Woche? Das sind ja nur 7 Tage später als geplant. Oh Gott, und ich dachte es sei viel schlimmer! 5 Wochen sind immer noch besser als 8, oder? Wir halten das durch.»

Er: «Nein, Honey, das halte ich nicht durch. Ich muss sofort bezahlen, damit ich dich schnell sehe. Du bist meine einzige Hoffnung.»

Ich: «Was meinst du damit?»

Er: «Könntest du mir nicht aushelfen? Ich verspreche, dir das Geld zurückzugeben.»

Nach einigem künstlichen Zögern meinerseits und besonders inbrünstigen Liebesschwüren seinerseits erklärte ich mich bereit, das Geld zu überweisen.

Taylor, der Mitarbeiter der Woche?

Ich solle das Geld mit Western Union schicken. Das habe ich erwartet, denn hier sind Überweisungen einfach und in Minutenschnelle möglich. Ich solle das Geld gleich zu Handen des malaysischen Steuerbeamten senden. An Ezekiel Osas Omoruyi. Klingt ehrlich gesagt nicht sehr asiatisch. Google zeigte mir zu diesem Namen dann auch einen Schwarzen in afrikanischer Tracht. Aber auch darüber wollen wir gnädig hinwegsehen.

Am Nachmittag des folgenden Tages meldete ich, dass ich das Geld überwiesen hätte. Er war überglücklich und bat mich, die Auftragsnummer durchzugeben. Oje! Daran hatte ich nicht gedacht. Aber schnell war eine erfunden und er nahm sie dankbar entgegen.

Ich stellte mir vor, wie seine Kollegen der Nigeria-Connection ihn feierten. Vermutlich hatten sie im Büro bereits sein Porträt mit der Überschrift «Mitarbeiter der Woche» aufgehängt und die Korken knallen lassen, bevor er sich auf den Weg zur Bank machte.

Doch dann wurde es hektisch. Am folgenden Morgen sendete Taylor ab sechs Uhr eine SMS nach der anderen und rief mich sogar an. Der Steuerbeamte konnte das Geld nicht abheben. Western Union kenne diese Auftragsnummer nicht. Der Mann warte vor der Bank. Es sei wirklich dringend! Ich solle die Auftragspapiere per Mail senden. Taylor war sehr nervös.

Heute ist nicht Taylors Tag

Ich beruhigte ihn. Doch ein bisschen sollte er noch leiden. So sagte ich, dass ich die Unterlagen im Büro hätte. Leider dauere es aber 3 Stunden, bis ich dort sei. So lange müsse er vor der Bank warten. Die Vorstellung amüsierte mich. Aus lauter Übermut suchte ich im Internet das aktuelle Wetter von Kuala Lumpur. Und Bingo! Der arme Mann stand nicht nur 3 Stunden vor der Bank. Nein. Es goss auch noch in Strömen. Ich liess den vermeintlichen Steuerbeamten buchstäblich im Regen stehen.

Pünktlich erlöste ich ihn. Wie gewünscht sendete ich ihm ein E-Mail. Der Inhalt entsprach aber vermutlich nicht seinen Erwartungen:

Mail an Taylor vom 27. Oktober

Hallo mein Lieber

Jetzt habe ich herausgefunden, wo das Problem liegt: Oops, ich habe vergessen, das Geld zu überweisen.

Aber ich habe gute Neuigkeiten: An dem Tag, an dem du mich auf Facebook kontaktiert hast, habe ich mit meinem Ehemann gewettet, wie lange es dauern wird, bis du mich um Geld bittest. Gute Neuigkeiten: Ich habe gewonnen! Mein Mann gab dir 10 Tage, du hast aber mehr als 20 ausgeharrt. Dank dir habe ich ein luxuriöses Nachtessen gewonnen.

Ich muss sagen, ich bin beeindruckt von deinen Anstrengungen. Du hast wirklich sehr hart gearbeitet. Aber es tut mir leid, deine harte Arbeit war umsonst. Und sie war auch nicht perfekt. Du hast wirklich viele Fehler gemacht und es war nicht schwer zu sehen, dass es sich um einen Betrug handelt. Wir nennen das Nigeria-Connection. Die Polizei ist informiert. Und ein letzter Tipp: Do solltest an deinem Englisch und deinem Akzent arbeiten. Not very British!

Ich dachte wirklich, die Angelegenheit sei damit ein für allemal erledigt. Jeder vernünftig denkende Mensch würde nach diesen Zeilen den Betrugsversuch aufgeben. Nicht aber Taylor Martinez.

Wie die Geschichte um Online-Lover Tayler zu Ende geht, erfahren Sie am kommenden Freitag.