Der Milliardenmarkt Bio treibt seltsame Blüten

Welche Lebensmittel dürfen als Bio verkauft werden? Nicht in allem, was im Laden als Bio angepriesen wird, steckt die unbefleckte Natur, wie es sich die Konsumenten vorstellen. «Espresso» zeigt fünf Kategorien, die auch in der Bio-Szene umstritten sind.

Streitpunkt 1: Bio aus aller Welt

Biologische Lebensmittel sollten regional und saisonal produziert werden – Dieser Grundsatz scheint nicht mehr überall gültig zu sein. Importe aus dem Ausland erlauben es, auch ausserhalb der Saison in der Schweiz zum Beispiel Bio-Tomaten anzubieten. Bei Bio-Erdbeeren aus Südspanien zeigte «Kassensturz» 2012 auf, dass der hohe Wasserverbrauch problematisch ist.

Auch sonst schüttelt mancher Bio-Konsument den Kopf über das Angebot an Produkten: Bio-Sonnenblumenkerne stammen zu einem Grossteil aus China. Und ob ein Crevetten-Spiessli mit Crevetten aus ecuadorianischer Bio-Zucht und Bio-Gewürzen aus dem Ausland dem ursprünglichen Gedanken von Bio entspricht, ist ebenso fraglich.

Streitpunkt 2: Fertigprodukte

Convenience Food hat auch vor Bio nicht Halt gemacht: Bio-Pizza, Bio-Lasagne, Bio-Sandwiches – das Angebot an Bio-Fertigprodukten ist gross. Grundsätzlich dürfen weniger Zusatzstoffe gebraucht werden als in konventionellen Lebensmitteln. Wenn es keine gleichwertigen Alternativen gibt, dürfen jedoch teils auch Nicht-Bio-Zusatzstoffe verwendet werden.

Ernährungsexperten warnen seit Jahren vor dem gesunden Anschein, den Bio-Fertigprodukte erwecken können. Denn: Eine Fertigpizza bleibt eine Fertigpizza, auch wenn die Zutaten grösstenteils aus biologischer Produktion stammen. Zu viel Salz, zu viel Fett, zu viel Zucker: Das ist auch bei vielen Bio-Fertigprodukten so.

Streitpunkt 3: Wann ist eine Milch eine Bio-Milch?

2002 entbrannte innerhalb der Knospen-Vereinigung Bio Suisse ein Streit: Soll auch UHT-Milch bio-zertifiziert werden? In den Bestimmungen von Bio Suisse steht nämlich: «Knospe-Produkte werden schonend hergestellt.» Die wenig schonende Ultrahocherhitzung versprach jedoch einen sprunghaften Anstieg des Milchabsatzes. So entschieden die Mitglieder knapp für UHT-Milch.

Erstaunlich: Milch, welche mit dem Hochpast-Verfahren unter weniger hohen Temperaturen verarbeitet wird, erhält kein Knospe-Label. Keinerlei Vorschriften zum Verfahren macht die Bioverordnung des Bundes.

Streitpunkt 4: Nachhaltigkeit von Bio-Fischen

Die Organisation Greenpeace stellt einzelnen Labels wie Bio-Suisse oder M-Bio gute Noten aus, was die Nachhaltigkeit beim Fisch angeht. Es gibt jedoch einen Makel: Alle biozertifizierten Fische stammen aus Zuchten. Besser wäre es, auf nachhaltigen Wildfang zu setzen.

In der Bio-Verordnung des Bundes werden Fische oder Aquakulturen nicht explizit erwähnt. Theoretisch könnte also jeder Fisch als biologisch vermarktet werden. Beim zuständigen Bundesamt für Landwirtschaft heisst es jedoch auf Anfrage, gemäss Lebensmittelverordnung dürften beim Konsumenten keine falschen Vorstellungen über Produktionsart oder Herkunft erweckt werden.

Streitpunkt 5: Ist Plastik auch Bio?

Biogemüse wird bei den Grossverteilern oft in Plastik verpackt. Dies, obwohl zum Beispiel Bio Suisse verlangt, dass die umweltschonendste Verpackung gewählt werden muss. Dass Bio-Gemüse überhaupt verpackt werden muss, erklären die Grossverteiler mit der Bio-Verordnung, die explizit vorschreibt, dass Bio-Produkte klar erkennbar und getrennt von konventionellen Produkten angeboten werden müssen.

Ausserdem sei Plastik betreffend ökologischem Fussabdruck besser als zum Beispiel Karton oder Papier. Keine Alternative ist sogenannter Bio-Kunststoff. Dieser wird auf Basis nachwachsender organischer Rohstoffe wie zum Beispiel Mais produziert und gilt deshalb als wenig nachhaltig.

«Kassensturz» vom 24.04.12

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Bio vs konventionell

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