Das Velo erobert die Strassen

Chrampfe und Chrömle vor 100 Jahren: Das Konsumentenmagazin «Espresso» blickt in der grossen Sommerserie zurück aufs Schicksalsjahr 1914. Diese Woche zu den Themen «Mobilität» und «Ferien»: Die Bahn erobert die Berge. Das Velo erlebt einen beispiellosen Boom. Der Tourismus ist im Hoch.

Schwarzweiss-Aufnahme: Ein Ehepaar und ein Knabe posieren mit ihren Velos.

Bildlegende: Immer mehr Schweizer legten sich nach der Jahrhundertwende ein Velo zu. sueddeutsche

Falscher hätte Kaiser Wilhelm II mit seiner Einschätzung nicht liegen können: «Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung», soll er zur Jahrhundertwende gesagt haben. Gerade in der Zeit bis zum ersten Weltkrieg erlebte Europa und auch die Schweiz in Sachen Mobilität eine beispiellose Beschleunigung. Automobile, Züge und Trams eroberten die Städte – Flugzeuge und Ozeandampfer liessen die Welt zusammenschrumpfen.

Erst jeder Zehnte war ein Pendler

Es ist aber auch die Zeit der ersten Pendler. Diese wurden meist nicht an den Arbeitsplatz gefahren, «sie sind selber gelaufen», erzählt Historiker Albert Tanner in der Sommerserie des Konsumentenmagazins «Espresso» auf SRF 1. Gerade Leute, die ausserhalb des Dorfes oder der Stadt lebten, legten teilweise grosse Strecken zu Fuss zurück. Eine halbe Stunde oder gar eine Stunde Arbeitsweg war vor 100 Jahren noch gang und gäbe.

Während in der Schweiz heute rund 90 Prozent an den Arbeitsplatz pendeln, war es anno 1914 erst jeder Zehnte. Natürlich nicht nur zu Fuss, sondern auch mit dem Zug, dem Tram, dem Dampfschiff, dem Postauto und auf dem Fahrrad. «Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine enorme Nachfrage nach dem Nahverkehrsmittel Velo», so Historiker Albert Tanner. 1914 hatte jeder zehnte Genfer ein Fahrrad – insgesamt mehr als 12'000 sollen es in der Velohochburg Genf damals gewesen sein. Ein regelrechter Boom, der später auch auf andere Schweizer Städte überschwappte.

Die Bahn erobert die Berge

Für längere Stecken nahm man schon damals den Zug. Die grossen Schweizer Städte waren miteinander verbunden und auch der Gotthardtunnel schon seit 30 Jahren in Betrieb. Es war jene Zeit, in der die Bahn die Berge eroberte. Mit der Eröffnung der Lötschberg-Simplon-Bahn, der Strecke Brig-Gletsch und Chur-Arosa boomte der Tourismus und die Möglichkeiten schienen unbegrenzt… bis der Krieg kam. «Der ausländische Tourismus ist danach mehr oder weniger in sich zusammengebrochen. Es war nicht die Zeit, um Ferien zu machen», so Historiker Albert Tanner.

«Chrampfe & Chrömle»

«Chrampfe & Chrömle»

«Espresso» zeigt in einer Serie, wie vor 100 Jahren gearbeitet und konsumiert wurde. Zur Übersicht
Weitere Beiträge von Schweiz Aktuell und anderen Sendungen finden Sie im SRF-Dossier «anno 1914».