Eines war klar: «Die Frau muss mitschaffen»

Elf Stunden pro Tag in der Fabrik – und am Samstag natürlich auch: Freizeit war für Berufsleute im Jahr 1914 ein rares Gut. «Die Arbeitstage waren damals aber nicht nur lang, sondern je nach Branche auch gefährlich», sagt der Historiker in der «Espresso»-Sommerserie.

Hätten Sie im Jahr 1914 gearbeitet, wären Sie wahrscheinlich in einer Fabrik oder in der Landwirtschaft tätig gewesen. In diesen beiden Bereichen haben damals die meisten Menschen gearbeitet. Besonders in der Textilindustrie habe es viele Beschäftigte gegeben, sagt der Basler Historiker Bernard Degen: «Die Industrialisierung in der Schweiz beruhte auf der Textilindustrie, weil Kohle- und Erzvorkommen in unserem Land verschwindend klein waren.» Daher habe sich in der Schweiz eine Industrie angesiedelt, die davon unabhängig gewesen sei.

Neben der Textilindustrie spielten aber auch andere Industriezweige eine tragende Rolle. So beschäftigte etwa das Baugewerbe 200‘000 Arbeiter, und die Metall- und Maschinenindustrie wies mehr als 150‘000 Beschäftigte aus.

Sechs bis neun Franken pro Tag

Ein Fabrikarbeiter verdiente um das Jahr 1914 zwischen sechs und neun Franken pro Tag. Frauen etwas weniger, da ihre Arbeit als minderwertig galt. Die Frau durfte wohl als Gehilfin arbeiten, für qualifiziertere Aufgaben kam sie jedoch kaum in Frage. Aber wegen der schlechteren Bezahlung einfach nicht arbeiten gehen, das war für Frauen aus Arbeiterfamilien keine Option, da nur der Lohn des Mannes alleine nicht zum Leben gereicht hätte.

«Es war immer klar: Die Frau muss mitschaffen», erklärt Historiker Degen. «Mitschaffen hiess damals aber nicht Teilzeit, sondern mit einem vollen Pensum.» Und Vollzeit, das bedeutete im Jahr 1914 elf Stunden pro Tag und am Samstag auch noch mal einige Stunden. Von der Frau wurde erwartet, dass sie neben diesen Arbeitszeiten auch noch den Haushalt erledigt. «Es war natürlich völlig unmöglich, bei diesem Arbeitsumfang den Haushalt so zu bewältigen, wie das später im Sinne der ‹guten Hausfrau› propagiert wurde.»

Müdigkeit als häufigste Unfallursache

Elf-Stunden-Tage und nur einen Tag Wochenende: Die Arbeiterinnen und Arbeiter von damals müssen konstant erschöpft gewesen sein. Entsprechend kam nicht nur der Haushalt zu kurz, sondern auch die Sicherheit. Bernard Degen schätzt, dass Müdigkeit die häufigste Unfallursache in Fabriken war.

Und Unfälle habe es damals nicht selten gegeben. «Die Fabrikmaschinen waren noch recht primitiv und in grösseren Fabriken teilweise über viele kleine Lederriemen miteinander verbunden. Wenn Sie dort hineingekommen sind, haben Sie sich natürlich sehr schnell schwer verletzt.»

Immerhin waren Arbeiter bei solchen Unfällen oder auch bei Berufskrankheiten bis zu einem gewissen Grad geschützt: Gemäss Fabrikgesetz von 1877 galt eine Haftpflicht für die Unternehmen.

«Chrampfe & Chrömle»

«Chrampfe & Chrömle»

«Espresso» zeigt in einer Serie, wie vor 100 Jahren gearbeitet und konsumiert wurde. Zur Übersicht.
Weitere Beiträge von Schweiz Aktuell und anderen Sendungen finden Sie im SRF-Dossier «anno 1914».