Trend zum schnellen Essen gab es schon 1978

Schnelle Verpflegung liegt im Trend: Das sagt Coop heute und lanciert eine Ladenkette, die darauf zugeschnitten ist. Bei der Migros tönte es 1978 praktisch gleich, und sie eröffnete Snack-Restaurants. Damals gab es Hamburger, Pommes frites – und viel Kritik.

Verblüffend: Zwischen den beiden Aussagen liegen fast vier Jahrzehnte voller Veränderung und auch der Migros-Coop-Graben, und doch tönen sie praktisch gleich. 2015 sagt Coop-Chef Joos Sutter: «Der Trend geht natürlich dorthin, dass viele Leute sich schnell verpflegen wollen.» 1978 spricht Migros-Bern-Chef Jules Kyburz vom «Bedürfnis der Leute, die eine sehr kurze Mittagszeit haben.»

In beiden Fällen reagierten die Grossverteiler mit neuen Angeboten auf den Schnellverpflegungs-Trend. 2015 eröffnet Coop den ersten «Coop-to-go»-Laden, 1978 macht die Migros mit neuen Snack-Restaurants Schlagzeilen: Das Konsumentenmagazin «Index 5 vor 12» berichtet auf Radio DRS 1 darüber und schlägt Alarm.

«Essen wird zur gewöhnlichen Funktion degradiert»

Was Amerika schon habe, reisse nun auch in der Schweiz ein, hiess es damals in der Vorgängersendung von «Espresso»: «Die Art von Verpflegungsfabrik, wo das Essen zur gewöhnlichen Funktion degradiert wird, wo alles schnell und rationell gehen muss, wo warten verboten ist.»

Ein «Index»-Reporter besuchte das neue Snack-Restaurant, für das die Migros damals schon einmal den Namen Migrolino brauchte. Und er war ziemlich entsetzt: Nur Hamburger, Pommes frites, Cola aus dem Kartonbecher, kein Teller, kein Besteck, kein Tischtuch. Fazit: «Billig ist das Ganze, das muss man ihnen lassen.»

Mittagspause sollte Entspannung bringen

Kunden schätzten die tiefen Preise und die schnelle Verpflegung. Ein Psychologe der Berner Erziehungsberatung warnte jedoch eindringlich vor Fast Food: Damit sei die Zeit des Essens nicht mehr die Zeit der Kommunikation. Und: «Gerade die Mittagspause sollte eine wesentliche Entspannungspause sein.» Die Warnung brachte offensichtlich nicht viel: Das Geschäft mit schnellem Essen läuft auf Hochtouren – bei Grossverteilern, aber auch an Imbissständen und Kiosken, in Bäckereien und Restaurants.

Ist uns die «wesentliche Entspannungspause», die Zeit der Kommunikation am Mittag abhandengekommen? «Heute ist es leider wirklich so, dass man kaum Zeit hat, sich hinzusetzen, zu essen, zu reden und es zu geniessen», sagt eine Hot-Dog-Esserin. Doch die kurze Mittagspause hat sich ja nicht grundlos durchgesetzt. Ein Freund der kurzen Pause sagt: «Wenn ich kürzer Mittag mache, habe ich mehr Zeit für die Familie. Und dort spreche ich mehr als genug!»

«Espresso retro»

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