«Jedes Essen wurde mit Brot gestreckt»

Grosse «Espresso»-Sommerserie: Während der kommenden fünf Wochen blickt das Konsumentenmagazin zurück auf das Schicksalsjahr 1914. Wir zeigen, wie Arbeitnehmerschutz, Mobilität oder Freizeit zur damaligen Zeit ausgesehen haben. Auftakt machen diese Woche die Lebensmittel.

Wie hat der Durchschnitts-Teller im Jahr 1914 ausgesehen? Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Zwischen städtischer und ländlicher, armer und reicher Bevölkerung gab es in Bezug auf das Essen grosse Unterschiede.

«Fleisch etwa konnten sich grundsätzlich nur wohlhabende Menschen leisten», sagt die Ausserrhoder Historikerin Gertrud Schmid. Die ärmeren Schichten hätten als Ersatz Hülsenfrüchte wie Bohnen oder Erbsen gegessen.

Die Menschen wussten, was gesund ist

Ernährungswissenschaften haben zur damaligen Zeit bereits eine grosse Rolle gespielt. Im Zuge der Industrialisierung seien ja auch die Konserven aufgekommen. «Frauen, die in einer Fabrik arbeiten mussten, hatten keine Zeit mehr zum Kochen», erklärt die Historikerin.

Konserven schufen hier Abhilfe. Der erste Gedanke sei aber wohl kaum eine Entlastung der Arbeiterinnen gewesen, «sondern es ging darum, die Familien dennoch richtig zu ernähren.»

Das Bewusstsein für gesunde Ernährung sei durchaus vorhanden gewesen. Gemüse und Früchte hätten eine wichtige Rolle gespielt. «Einige städtische Arbeiterfamilien hatten einen eigenen Schrebergarten und pflanzten dort einfaches Gemüse wie Lauch oder Bohnen an.» Andere seien über Verwandte auf dem Land zu Gemüse gekommen.

Fast immer Kartoffeln

Eine Arbeiterfamilie brauchte zur damaligen Zeit rund die Hälfte des monatlichen Einkommens für Essen. Grosse kulinarische Sprünge waren folglich keine möglich. Meistens kamen daher Kartoffeln auf den Tisch. «Und zu jedem Essen gab es Brot», weiss Gertrud Schmid. Egal ob Suppe oder Rösti: Jedes Essen sei mit Brot gestreckt worden.

Als dann nach Kriegsausbruch der Handel zusammengebrochen und Brot plötzlich Mangelware geworden war, erliess der Bundesrat Massnahmen um den Brotverzehr einzudämmen: «Als eine der ersten Massnahmen wurde nur noch zwei Tage altes Brot verkauft – frisches Brot gab es keines mehr.»

Erst gegen Mitte des Kriegs kam dann die Rationierung hinzu. «Vorher war man davon ausgegangen, dass man auch so durchkomme.»

«Chrampf & Chrömle anno 1914» - Die Beiträge

15.07.: Ernährung vor hundert Jahren
18.07.: Lebensmittel einkaufen – Besuch im Chrömlerladen-Museum

22.07.: Mobilität vor hundert Jahren
25.07.: Ferien – Besuch im historischen Hotel

29.07.: Arbeit vor hundert Jahren
31.07.: Arbeitsschutz 1914 – Rundgang durch Basel mit Historiker

05.08.: Geld vor hundert Jahren
08.08.: Abzocker – Lebensmittelskandale und Wucherer

12.08.: Freizeit vor hundert Jahren
15.08.: Vereine: Früher war jeder in einem Verein

«Chrampfe & Chrömle»

«Chrampfe & Chrömle»

«Espresso» zeigt in einer Serie, wie vor 100 Jahren gearbeitet und konsumiert wurde. Zur Übersicht
Weitere Beiträge von Schweiz Aktuell und anderen Sendungen finden Sie im SRF-Dossier «anno 1914».